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Über Innereien

Eines der wenigen aus dem Altertum überlieferten Bücher ist jenes über das Gastmahl des Trimalchio, einen Mann, der seinen Reichtum freimütig durch ein ausschweifendes Gelage vorführt, das er seinen Freunden und Bekannten ausrichtet. Das Buch ist vor allem deshalb bekannt geworden, weil es akribisch aufführt, was den Gästen da so alles vorgesetzt wird. Es sind fast ausschließlich Fleischwaren von einer großen Anzahl von Tieren, in denen kunstvoll alles, was an einem Tier verspeist werden kann, untergebracht wurde. Dazu gehörten selbstverständlich auch Innereien, wie wir sie heute kaum mehr auf den Tisch bekommen. Wir essen heute vom Tier vor allem das, was uns, wie wir glauben, Kraft gibt: Deren Muskulatur. Wir essen wie Sportler oder Krieger, die ja auch vor allem von der Schnelligkeit und Belastbarkeit ihrer Muskulatur abhängen. Das Gefühl der Kraft erhalten wir aber auch als Nichtsportler vor allem aus unseren Muskeln, und wenn wir dann noch dazu Muskeln essen, verstärkt sich dieses Gefühl, vor allem, wenn es beispielsweise das rote Fleisch eines muskelstarken Rindes ist.

Dieser einfach Zusammenhang ist uns heute wenig bewusst, weil wir eine der hohen medizinischen Künste des Altertums beinahe vergessen haben: Die Organotherapie. Kurz gesagt besteht sie darin, uns vom Tier Körperteile einzuverleiben, deren Qualitäten uns als Kranke gerade fehlen. Gebräuchlich ist heute noch die Einnahme von Schilddrüsengewebe in Form von Kapseln bei Schilddrüsenunterfunktion durch Entzündung oder nach einer Operation. Diese Therapie ist nebenbei gesagt nicht ungefährlich, da unser Tagesbedarf ja nur etwa einem Körnchen Schilddrüsengewebe entspricht, und wir, sofern wir eine ganze Schilddrüse auf einen Sitz verspeisen würden, in große Not geraten würden, jedenfalls starke Ängste, Herzklopfen, Blutdruckentgleisungen, Schweißausbruch und anderes entwickeln, was man eben bei einer Schilddrüsenüberfunktion so erlebt. Gefährlich wird so eine Organotherapie mit Schilddrüsengewebe aber nur bei Unkenntnis. Dosiert werden muss die Schilddrüse sicherlich mit großem Augenmerk, während es nicht so bedeutend ist, wie groß das Stück Schweinshaxe oder Rumpsteak vom Rind ist, das wir verspeisen. Muskulatur kann man nur schwer überdosieren, Schilddrüse aber sehr leicht. Dafür kann man mit Schilddrüse aber im Vergleich zum Wiener Schitzel viel stärkere Arzneiwirkungen erzielen. Denn nur was giftig sein kann, kann auch heilen, wie Paracelsus in ähnlicher Weise gesagt hat.

Wie steht es nun mit Leber? Dieses Organ ist in den letzten Jahren fast völlig aus der Küche gewichen, obwohl es früher sehr viel gegessen wurde. Ein Grund dafür mag sein, dass die Leber bei der Massentierhaltung stark gefordert wird. Ein Schlachttier, das vor allem Profit bringen soll, ernährt sich ja zwangsläufig einseitig und schluckt viele Antibiotika, die sich dann weniger in der Muskulatur finden als in der Leber, weshalb man letztere gleich wegwirft. Aus der Sicht der traditionellen Medizin ist es trotzdem eine Katastrophe zu nennen, dass heute keine Leber mehr gegessen wird. Denn sie ist eine große Arznei. Sie hat wertvolle Enzyme, Mineralien und Vitalstoffe, die sicherlich beim Kochen und Braten teilweise durch Hitze zerstört werden, aber auch im von der Mikrowelle verschmorten Zustand immerhin für die Leber des Menschen Grundbaustoffe liefern, die er gut brauchen kann, wenn diese überfordert ist. Der Stoffwechselkranke, oder besser gesagt Stoffwechselüberlastete, den wir heute so häufig sehen, und dessen Bauch aufgetrieben ist, der von Übergewicht und Verdauungstörungen gequält wird nebst anderen Auswirkungen einer Leberschwäche wie Entzündungsneigung, Bluthochdruck, Schlappheit und vieles andere mehr, sollte meiner Meinung nach lieber einmal in der Woche Leber essen und sonst vegan bleiben. Er würde damit einen großen Schritt für seine Gesundheit tun. Ein solcher Schritt in die organotherapeutische Richtung ist übrigens auch die Angewohnheit vieler Menschen, Bauchspeicheldrüsenenzyme in Form von Kapseln einzunehmen, die Sie vielleicht unter den Namen Kreon oder Ozym oder Pankreon kennen. Bei der Schlachtung von Schweinen fällt die Bauchspeicheldrüse an und wird von Pharmafirmen dazu verwendet, um daraus Enzymprodukte herzustellen, die häufig als Verdauungshilfen verordnet werden. Menschen in der Mitte des Lebens und später können so oft einen vorstehenden Bauch wieder flach kriegen. Sie tun das umso mehr, wenn sie auch auf ein Stück Leber pro Woche nicht vergessen. Übertreiben müssen Sie hier nicht und jeden Tag Leber auf Ihren Tisch bringen in der Hoffnung, dann noch schneller noch gesünder zu werden. Auch die Leber muss man dosieren, weil sie purinreich ist und die Harnsäure in die Höhe treiben kann als Ausdruck einer Abbaustörung. Das ist, nebenbei bemerkt, ein guter Laborwert, der Ihnen sagt, ob Sie Leber überdosieren.

Man kann auch Bauchspeicheldrüse braten und verspeisen, aber so wohlschmeckend wie Leber ist sie nicht. Ähnlich sieht es mit der Milz aus, die zwar besser schmeckt als Bauchspeicheldrüse, aber keine klare Funktion für die Gesundheit zu haben scheint.

Die Leber ist das Organ des Feuers, und wenn man das indische System der Energiewirbel, der Chakren, als Maß nimmt, dann liegen Bauchspeicheldrüse, Gallenblase, Milz und auch der Beginn des Dünndarms im Einflussbereich dieses Elementes. Feuer schafft Hitze und Trockenheit im Körper. Verdauungsschwäche mit körperlicher Schwäche, Schlappheit, Sodbrennen, Aufstoßen nach dem Essen und wechselhaftem Stuhlgang mit Blähungen und Auftreibung des Bauchs ist eine typische Störung, die man nach der Elementelehre mit dem ausreichenden Trinken von körperwarmem, klaren Wasser verbessern kann. Diese Behandlung läuft nach dem Gegensatzprinzip: Das Kalte und Feuchte des Elementes Wasser löscht das Feuer im oberen Bauchraum. Aber diese Therapie ist grob, und besser ist es wohl, hitzige Einflüsse wie Kaffee, Schwarztee, Grüntee, Alkohol, insbesondere Rotwein, Nikotin und Gewürze zu meiden. Denn sie alle vergrößern die Trockenheit und die Hitze, unter der man bereits leidet. Auch Hektik, viele Pflichten und Aufgaben, wenig Schlaf, viel Fernsehen und am Computer Sitzen und andere Dinge, die im Geist und in der Seele Hitze schaffen, sind von Übel.

Die Leber schafft nicht nur die Körperwärme und ist die Schaltzentrale für den Stoffwechsel, sondern repräsentiert im Körper die Leben spendende Sonne. So wie man im Altertum dem Sonnengott Apollo nicht nur Schönheit zuerkennt, sondern in ihm den Ahnherrn aller schönen Künste erblickt, ist es die Leber, die uns aktiv, wach und tatkräftig macht. Wer schöpft und sich dabei erschöpft, hat das nicht zuletzt einmal der gesunden und dann der kranken Leber zu verdanken. Denken Sie darüber nach, dass Ihre Schönheit und Klugheit und Entschlussfreudigkeit von einer gesunden Leber abhängt und essen Sie häufiger mal eine gesunde Leber.

Ähnlich ließe sich dieser Diskurs ausdehnen auf das Essen von Lunge, das noch vor wenigen Jahrzehnten bei uns auf der Tagesordnung stand, mittlerweile aber völlig vom Speisezettel verschwunden ist. Die Lunge als Organ des Elementes Luft macht uns luftig, jugendlich, frei. Es wäre sicherlich von Vorteil für Menschen, die durch Unterdrückung und Einschränkung ihrer Lebensfreude und Entfaltung Asthma und andere Bronchialleiden entwickeln, immer wieder einmal mit einem guten „Beuschel“ zu erfreuen, wie man das in österreichischen Gaststätten früher nannte, und ich wette, dass sich einiges an ihren Beschwerden verbessern würde. Eine differenzierte Organotherapie mit dem Verspeisen von Hirn und Rückenmark, Sinnesorganen und so weiter könnte letztlich in jede ärztliche Verordnung einfließen, und wenn sich Metzger finden würden, die sie wie früher einmal in großer Bandbreite anbieten würden, könnte in den heimischen Küchen für Kranke viel Gutes entstehen.

 

Das Schöne an der Organotherapie ist, dass man unabhängig von der Elementelehre oder anderen Arzneien die kranken Organe selbst direkt stärken kann, beispielsweise eben, indem man sich die Leber eines gesunden und jungen Tieres einverleibt und damit nicht nur Mineralien und Vitalstoffe, sondern auf einer energetischen Ebene auch die Lebenserfahrung dieses gesunden Organs aufnimmt und vielleicht auch über einen halb hormonellen, halb genetischen Weg auch etwas von seiner Stärke und Gesundheit erfährt. Das erleichtert die Gesundung und hilft einem, einen neuen Weg zu finden.

Wenn wir nun zum Bild des Gastmahls des Trimalchio zurückkehren, dann sehen wir die raffinierten Köstlichkeiten, die von antiken Köchen zubereitet werden, mit neuen Augen. Das Innere der Tiere, das im Altertum ja schon durch die Eingeweideschau, die populärste Form der Wahrsagerei, höchste Bedeutung in der Medizin hatte, liefert nicht nur Speisen, sondern vor allem Arzneien, mit denen der Wohlstandsmensch der Antike, der römische Bürger, dessen Leben in seinen komplizierten Abläufen sehr stark dem in den Großstädten unserer westlichen Welt ähnelt, medizinische Hilfe erfährt. Das Kochen mit den vier Elementen, das in unserem Breiten heute erst wiederentdeckt wird, war damals schon selbstverständlich, und der Koch automatisch auch Arzt. Der Wohlhabende wird diese Speisen geschätzt haben, denn sie erhielten ihn jung, gesund und dynamisch. Wenn in Biomärkten heute für teures Geld biologisches Wasser, biologisches Gemüse und biologisches Fleisch gekauft wird, dann drücken wir im Grunde genommen eine alte Sehnsucht nach der Fülle aus, die im alten Rom für den Wohlhabenden selbstverständlich war. Eine Form der biologischen Kost, wie wir sie heute in Spuren durch nachhaltige Landwirtschaft und Tierzucht versuchen, ohne wirklich zu wissen, was es denn ist, was wir stattdessen benötigen: Eine fein abgestimmte und auf die Bedürfnisse unseres Körpers eingehende Kost, bei der die Innereien der Tiere als große, heilende Arzneien eingesetzt werden.

Schmerzen heilen – selbständig und sanft

Wenn Sie heute mit Schmerzen zum Arzt gehen, sind Enttäuschungen schon vorprogrammiert. Das hängt mit den Erwartungen zusammen, die Ihnen Fernsehwerbungen vermittelt haben, die noch den Enthusiasmus der Nachkriegszeit ausstrahlen. Damals gab es für Probleme in zunehmendem Maße Maschinen mit Knöpfen, die man nur drücken musste. Den Rest besorgte die Technologie.

Seitdem wir im Computerzeitalter leben, haben wir begriffen, dass Maschinen oft nicht funktionieren, wenn man auf Knöpfe drückt. Sie fahren entweder gar nicht hoch oder stürzen ab, und wenn man nach Experten ruft, hört man nach langem Herumprobieren und aufwendigen Reparaturarbeiten früher oder später die Bemerkung: „Eigentlich müsste es funktionieren.“ Tut es aber nicht.

Ähnlich müssen Sie sich die Schmerztherapie vorstellen, die auch nach langem Herumprobieren nicht unbedingt erfolgreich ist. Dazu kommt noch das Spektrum an Nebenwirkungen und unvorhergesehenen Reaktionen. Die Beschwerden werden noch schlimmer, oder das Ganze wird durch neu auftretende Erkrankungen kompliziert.

Wenn Sie heute in einer durchschnittlichen Arztpraxis den Ratschlag der Fernsehwerbung befolgen, nach Risiken und Nebenwirkungen zu fragen, werden Sie nicht selten erleben, dass sich der Arzt vorsichtig um Hilfe nach jemandem umblickt, der ihn von dem Irren befreien könnte, der solche Fragen stellt. Und sagen Sie ihm gar, dass das Schmerzmittel nicht geholfen habe, wird er ungeduldig oder sogar böse und ärgert sich darüber, wie „schwierig“ Sie sind.

Also gehen Sie zum Privatarzt oder Heilpraktiker. Zwar zahlen Sie dort Rechnungen ohne Anspruch auf Kostenrückerstattung durch die Kasse, trotzdem wird Ihr Schmerz selten effektiv behandelt werden. Dafür ist zum einen der Ausbildungsstand des Therapeuten verantwortlich. Auch nach zwischen acht bis zehn Jahren Ausbildungszeit hat der Mediziner immer nur nebenbei von Schmerztherapie erfahren. Was Heilpraktiker betrifft, so haben sie manchmal eine dreijährige Ausbildung hinter sich, dürfen ihre Prüfung je nach Ausbilder aber mitunter nach einigen Wochenendkursen ablegen und unterscheiden sich so anfänglich in Bezug auf ihren Wissenstand manchmal kaum vom Laien. Sie werden in verschiedenen Heilmethoden geschult, nicht aber speziell in Schmerztherapie.

In beiden Fällen ist es also dem Engagement des Einzelnen überlassen, durch stetes Bemühen und das Sammeln von Erfahrungen effektive Schmerztherapie zu erlernen. Garantien dafür, dass Sie es mit so einem Therapeuten oder so einer Therapeutin zu tun haben, gibt es nicht.

Das zweite Problem liegt darin, dass Privatärzte und Heilpraktiker sich sehr oft auf eine Heilmethode spezialisiert haben und bald nicht mehr über den eigenen Tellerrand schauen. Es kann natürlich auch das Gegenteil passieren und sie bieten x-beliebig viele Heilmethoden an, von denen sie keine wirklich beherrschen.

Sind Sie mit Ihrem Schmerzproblem auch an dieser Klippe zerschellt, beginnen Sie, Eigeninitiative zu zeigen und sich zu informieren. Da gibt es einmal die Broschüren von Schmerzgesellschaften und anderen Institutionen, die die Meinung der Schulmedizin vertreten, die letztlich die Meinung der Pharmaindustrie wiedergibt, welche ihrer Produkte am besten abgesetzt werden können oder sollten. Kaum ein Berufsstand ist in den letzten Jahrzehnten so herab gekommen wie der des Arztes – für die Gebühren, die er für einen Hausbesuch verlangen darf, überlegt sich ein Facharbeiter nicht einmal die Anfahrt zum Arbeitsort – und innerhalb des Ärztestandes ist kein Berufsstand so sehr herab gekommen wie der des Universitätsprofessors. Er forscht meist mit Geldmitteln der Industrie, erstellt Studien, die Verkaufsstrategien der Industrie bestätigen und reist durch die Lande, um seinen Kollegen getürkte Ereignisse, mangelhaft getestete Substanzen und unausgegorene Konzepte als Wissenschaft zu erkaufen. Er sitzt in Fachgesellschaften, um widerspenstige Kollegen, die auf Therapiefreiheit drängen, zum Konformismus zu zwingen. Wenn man diese Manipulationen auch nur einem Teil der Meinungsmacher unterstellen darf, so verhindert sie doch in der Praxis sehr häufig eine effektive Schmerztherapie.

Haben Sie nun aber in die Schulmedizin kein Vertrauen mehr und lesen naturheilkundliche Zeitschriften, werden Sie mit der Zeit feststellen, dass ihre Meinungsmacher wieder handfeste kommerzielle Interessen vertreten und das offene Feld der zahlreichen Heilmethoden dazu benutzen, schlecht verhohlene Eigenwerbung für sich und die eigene Klinik zu betreiben. Was man selbst nicht macht, wird nicht erwähnt. Was man selbst nicht kann, wird madig gemacht.

Noch schlimmer geht es Ihnen, wenn Sie die Anpreisung in Hochglanzmagazinen ernst nehmen. Da kann zwar zunächst von „neuen Heilmethoden“ die Rede sein, „oft auch ohne Operation“ – letztendlich begegnen Ihnen aber nur die neuesten Produkte der Pharmaindustrie und Vorschläge von „Spezialisten“, die Ihnen den Schmerz an der Wurzel ausreißen wollen, indem sie z.B. das entsprechende Gelenk, um das es da geht, einfach entfernen. Von individueller Behandlung, von naturheilkundlichen Methoden, von einer Heilung ist dann nicht mehr die Rede. Egal, um welchen Schmerz es sich dabei handelt: Wenn es um Schmerzursachen geht, ist der Menschen in den Augen dieser „Spezialisten“ eine Fehlkonstruktion, die mit Brachialeingriffen wieder korrigiert werden kann. Am Liebsten beschuldigt man dann den aufrechten Gang. Wenn der Mensch nicht vor Jahrmillionen Jahren auf diesen aufrechten Gang gekommen wäre, hätte er auch keine Knie- Hüft-, Rücken- oder Schulterschmerzen und müsste nicht operiert werden. Sie merken schon: Entweder Sie kriechen oder Sie lassen sich, sobald Sie ausgewachsen sind, mal am besten alle Gelenke austauschen.

Entnervt wenden Sie sich nun Büchern zur Schmerztherapie zu, von denen der Markt überquillt. Zum Großteil von Medizinjournalisten geschrieben, die persönlich noch keinen Patienten gesehen haben, sich das aber gut vorstellen können, geben sie detailgenau und mit bestechender Klarheit eine Zusammenfassung von Broschüren und Büchern wieder über bestimmte Heilmethoden oder Heilkonzepte und übernehmen aus Unkenntnis und Mangel an eigenen Erfahrungen häufig windige Konzepte, unbewiesene Behauptungen und längst widerlegte Thesen.

In dieses Wespennest stechen dann Bücher von Betroffenen oder Praktikern, die entweder selbst einen Weg aus dem Schmerz gefunden haben oder seit Jahren damit beschäftigt sind, Schmerzen ohne ideologische Scheuklappen zu lindern. Das Problem ist natürlich oft, dass gerade Betroffene nur eine Geschichte von vielen erzählen können. Für den großen Überblick fehlt ihnen die Erfahrung. Der Praktiker aber, der sich mit Schmerztherapie beschäftigt, kann leicht in den Fehler verfallen, die wenigen Kniffe, die er sich beigebracht hat, zu überschätzen. Außerdem wird ein Buch, das er zu diesem Thema verfasst, nicht selten am gleichen Problem kranken wie das Schrifttum von Meinungsmachern der Naturheilkunde, die das Forum, das ihnen zur Verfügung gestellt wird, als Gelegenheit zur Eigenwerbung missbrauchen.

In diesem Netz von Halbwahrheiten, Verkaufstricks und Geheimnistümelei muss sich der, der an Schmerzen leidet, seinen eigenen Weg zur Gesundheit suchen. Das geht nur, wenn er nach einer kurzen Vorstellung verschiedener Heilmethoden die Möglichkeit hat, nach einer einfachen Schilderung des Verfahrens gefahrlos und nebenwirkungsfrei diese Methode für sich auszuprobieren. Ich habe mich in diesem Buch vor allem auf Heilmethoden konzentriert, mit denen ich selbst Erfahrungen als Patient und Therapeut gemacht habe. Eingeflossen sind aber auch Erfahrungen, die mir Patienten weitergegeben haben. Deshalb kann es keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, denn jede Erfahrung ist limitiert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den wenig besprochenen naturheilkundlichen Schmerztherapien und streift die Möglichkeiten der Schulmedizin nur am Rande.

Bevor Sie nun aber simple „Schmerzheilungsrezepte“ ausprobieren, ist es wichtig, den Schmerz in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Denn sobald Sie versuchen, intensiv daran zu arbeiten, werden Sie das meiste, das allgemein über den Schmerz behauptet wird, über Bord werfen müssen.

So werden Sie zugeben müssen, dass der Schmerz nicht isoliert von dem an ihm leidenden Menschen zu betrachten ist. Das ist es, was damit gemeint ist, wenn man manchmal hört, chronische Schmerzen seien individuell. Sie sind das kreative Produkt aus dem, was Sie aus Ihrer Lebenssituation gemacht haben. Daran hat Kränkung genauso Anteil wie persönliche Schuld. Im öffentlichen Diskurs lügen wir uns dann, wenn es um Schmerzen geht, durch die Bank und auf den verschiedensten Ebenen gegenseitig an, vor allem aber belügen wir uns selbst. Lesen Sie nur die Broschüren der Selbsthilfegruppen und Sie werden bald merken, dass darin über alles gesprochen wird, nur nicht darüber, in welchem Umfeld die Schmerzen entstanden sind. Da treffen sich 20, 30 Menschen in Fibromyalgie-Gruppen miteinander, die nichts gemeinsam haben als eine ähnliche Art von Schmerzen, und wundern sich, dass sie in dieser Gruppe keine Besserung erfahren.

Warum das so ist, liegt auf de Hand: Es wird auf das gemeinsame Symptom gestarrt wie das Kaninchen auf die Schlange, ohne zu erkennen, dass dieses Symptom nichts wirklich Verbindendes ist. Das Einzige, was man in einer Fibromyalgie-Gruppe an Positivem erfahren kann, ist gegenseitiges Verständnis und verschiedene Informationen darüber was angeblich gegen Schmerz hilft – Ihnen aber wahrscheinlich nicht helfen wird. Dabei reduziert sich vermutlich noch die Wahrscheinlichkeit, sich selbst und dem Kernkonflikt, an dem man leidet, näher zu kommen.

Meiner Erfahrung nach ist chronischer Schmerz das Ergebnis einer langen Entwicklung. Er kann durch unterdrückende Maßnahmen zwischendurch geschwächt, vielleicht auch zwischenzeitlich vertrieben werden. Aber er kehrt so lange wieder, solange die „Schmerzarbeit“, die ihn aufschlüsselt und löst, nicht geleistet ist. Sogar ein bisschen Psychotherapie und einige wenige, oft eher zufällig gewählte homöopathische mittel können dann, wenn jemand zu diesem Weg bereit ist, auch schon ausreichen. Der Weg ist immer wichtiger als die Hilfsmittel, die einen dabei begleiten.

Ein anderer falscher Mythos über de Schmerz ist der, dass Sie jemanden brauchen, um Ihre Schmerzen zu verteriben – wenn schon keine Selbsthilfegrupe, so doch einen Heiler oder Weisen. Wahrheit bleibt, dass jeder Schmerz, der – wie das alte Sprichwort sagt – von selbst gekommen ist, auch wieder von selbst gehen kann. Das hat nichts mit Spontanheilung zu tun, denn er geht nur, wenn er auch einen Grund hat, zu verschwinden. Das hat auch nichts mit Placebo zu tun, denn kein Schmerz lässt sich betrügen. Schmerzen verschwinden dann, wenn der Schmerzpatient sie gehen lässt; und sehr oft kann er das nur, wenn er den Konflikt, aus dem der Schmerz kam, gelöst hat.

Gelöst werden kann so ein krank machender Konflikt mitunter nur durch eine Begegnung von Therapeut und Patient, die über das klassische Verhältnis weit hinausgeht. Notwendig ist so eine Beziehung, wenn der Schmerz im Konflikt mit einem anderen Menschen entstanden ist. Dann kann einem auch nur ein anderer, der Stellvertreterrolle für den Schmerzauslöser einnimmt, wirklich helfen. Das setzt voraus, dass der Therapeut auch bereit ist, diese Projektion zuzulassen und sie intelligent zur Heilung einzusetzen versucht. Dem Schmerzpatienten nützt keine Symptomtherapie, er ist als Mensch da mit dem Ballast seiner ganzen Geschichte, die oft sogar über die eigene Geburt zurückreicht in das Spannungsfeld seiner Familie. Effektive Schmerztherapie kann manchmal nur erfolgen, wenn im Laufe einer Behandlungsserie von fünf oder zehn Therapiesitzungen eine innerliche Versöhnung im Behandelten erfolgt. Mit sich selbst, mit anderen. Das kann heißen, dass man Trost braucht. Meistens aber heißt es eher, dass man sich selbst Sünden zu verzeihen lernt, die man begangen hat.

Wenn Schmerzen nicht von selbst gegangen sind, das was sie ausgelöst hat, nicht verdaut werden kann, dann muss eine Umkehr im Leben passieren. Sonst ist trotz aller guten Heilmethoden, die schmerzlindernd sind, keine wirklich Heilung möglich. Das muss der Schmerzpatient wissen. Überhaupt muss er mit sich ins Reine kommen. Er muss die Kraft entwickeln, das, was ihn kaputtmacht, kaputtzuschlagen. Er muss dort verziehen, wo er Schlechtes erfahren hat, es muss ihm aber auch verziehen werden, wo er Schuld auf sich geladen hat.

Stellvertretend hat der Arzt sei Anbeginn der Zeit diesen seelischen Kernkonflikt immer wieder einmal lösen können und damit Erfolg gehabt. Er hat an Patienten rituelle Handlungen vollzogen, wie wir es vom Beichtvater der römisch-katholischen Kirche kennen. Er wollte helfen und hat allein dadurch geholfen. In dieser traditionellen Rolle liegt auch heute noch das Geheimnis erfolgreicher Therapien. Ein Arzt muss helfen wollen. Wenn der Patient dieses Bedürfnis spürt, wird er auf fast alle Therapien reagieren.

Therapien können Bewusstsein wecken, Verschüttetes zu Tage bringen und auf Konflikte aufmerksam machen, die dann nicht selten durch ein einfaches Gespräch oder simples Zuhören und Erfragen gelöst werden können. Dazu braucht es keine Spezialausbildung in menschlichem Miteinander. Der Arzt ist nämlich gerade dann, wenn menschliche Konflikte an die Oberfläche kommen, nicht als Therapeut, sondern als Mensch gefragt. Dafür gibt es keine festen Regeln außer denen des Mitgefühls, des Ehrgefühls und der Anständigkeit. Natürlich können auch andere Menschen – Freunde, Familienmitglieder – therapeutisch wirken.

Schmerz ist persönlich und verlangt einen persönlichen Weg zur Heilung. Schmerz ist ein Zeichen, die stumme Sprache des Körpers. Nur der, der diese Sprache erlernt, kann geheilt werden. Dieses Buch möchte keine fertigen Rezepte liefern, sondern möchte auch jenseits einer Arzt-Patient-Beziehung dem Einzelkämpfer die Grundvokabeln der Sprache des Schmerzes nahebringen – und Kniffe zeigen, wie man sie sich rascher aneignen kann.

(Dieser Text ist die Einleitung meines Buches „Schmerzen heilen – selbständig und sanft“, ca. 250 Seiten, ISBN 1451562845. Das Buch ist eine Neuauflage des Bestsellers „Die Schmerzmittellüge“)