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Veganer sind nicht humaner

Ich rätsle immer wieder einmal über die Frage nach, warum manche Menschen Veganer werden. Vegan heißt, dass man nur Pflanzen isst. Das ist im Unterschied zum Vegetarier gemeint, der ein Mensch ist, der nur Pflanzen isst. Eigentlich das Gleiche, ist aber nicht so, weil viele Vegetarier Eier essen oder Milch trinken, und sich nicht jeder die Mühe macht, von sich als Lakto-Ovo-Vegetarier zu sprechen im Unterschied zum Fleischesser, dem Carnivoren. Oder eben im Unterschied zum Veganer, der nur Lebewesen isst, die ihm sehr unähnlich sind.

Vegan sein heißt für viele Menschen, den friedlichen Weg der Ernährung gefunden zu haben. Nichts zu essen, das Augen hat, beispielsweise. Nichts zu essen, was laufen kann und dadurch besonders lebendig wirkt. Man spürt ja direkt die Angst eines gejagten Tieres und denkt sich: Das könnte ich sein. Also solidarisiert man sich. Aber so leicht ist die Sache nicht. Eine Pflanze ist auch ein Lebewesen mit einem reichlichen Gefühlsleben, wie neuere Forschungen beweisen. Es schreit auf, wenn man es tötet, und ein ganzer Wald kann davon beben. Dass wir Menschen diesen Schrei nicht hören, tut nichts zur Sache. Andere Pflanzen, vor allem Artverwandte, hören das schon, und sondern Stresshormone ab oder Gifte, die Schädlinge wie den Menschen, der dort mit der Sense zugange ist, möglicherweise abwehren könnten.

Pflanzen zu essen ist genauso gewalttätig, wie ein Tier zu essen. Nein, stimmt nicht. Es ist sogar noch gewalttätiger. Denn alle Tiere essen andere Lebewesen, darunter sehr viele auch andere Tiere. Das heißt, wenn der Mensch beispielsweise Löwenfleisch essen würde, wäre das eine faire Sache. Denn der Löwe würde ihn töten und fressen, also ist es nur gerecht, wenn der Mensch den Löwen tötet und frisst und sich damit ernährt. Es ist das ein Lebensrecht, das auch der Löwe für sich in Anspruch nimmt, wenn er einen Menschen sieht und gerade Hunger hat. Wer sich also human ernähren möchte, sollte sich ausschließlich von Raubtieren ernähren, und das von solchen, die er eigenhändig unter fairen Bedingungen erlegt hat. Das wäre eine glatte, befriedigende Sache, und man müsste sich nicht mehr dafür schämen, dass man Hunger hat und ihn so befriedigt, wie wir das gemeinhin tun: Nämlich, indem wir von den Gewalttaten anderer profitieren und deren Beute verspeisen.

Vor kurzem hat es mir auch den Magen umgedreht. Wir hatten gerade in einem Gasthaus leckeres Lamm gegessen und gehen spazieren und stoßen auf eine große Schafherde mit kleinen Lämmlein, die wirklich süß sind. Da kommt der Hirte mit seiner Frau und den Hunden daher, alles vierschrötige Erscheinungen, und nimmt einem Schaf nach dem anderen das Lamm weg, schlägt es auf den Kopf, bis es schlaff wird und wirft es auf die Ladefläche seines Wagens. Stellt sich heraus, diese Familie beliefert den Gasthof, in dem wir bislang so gerne speisten. No more, wie die Engländer sagen.

Aber der Veganer kann auch ruhig Sojamilch kaufen. Das macht ihn noch lange nicht zum Feingeist. Mangelnde Fairness und nackte Gewalt bedeutet es nämlich, genüsslich am Müsli zu kauen, denn selbst hier wurden Pflanzen entweder ausgebeutet und ihrer Früchte beraubt, oder überhaupt getötet, um Dir, meine Dame, mein Herr, als Nahrung zu dienen. Und das, obwohl diese Pflanzen friedliche Wesen sind, die dem Menschen nie ein Haar krümmen würden. Trotzdem sät der Mensch in dieser Idylle Gewalt, tötet gedankenlos und brutal Abertausende von Lebewesen, nur um sich aus deren Körnern ein Brot zu backen.

Ich will damit nicht sagen, dass ich überzeugter Fleischfresser bin, aber es spricht auch vom medizinischen Standpunkt einiges dafür, dass Fleisch als Nahrung bekömmlicher ist als sagen wir Broccoli. Es soll niemanden verwundern, dass diese Pflanze elende Blähungen verursacht. Sie tut es, weil sie dem Menschen als Lebewesen so unähnlich ist, dass er Mühe hat, aus ihren Bestandteilen seinen eigenen Körper zu erhalten. Oder sagen wir, es ist das hämische Grinsen des Schwächeren, der seinem Schlächter zumindest Bauchschmerzen verursachen möchte als eine Art postume Rache. Anders steht es mit Schwein. Relativ gut verträglich. Denn: Der Mensch ist genetisch fast mit ihm identisch, sodass man sagen könnte, die beste Ernährung für den Menschen wäre er selbst. Es lebe also der Kannibalismus! Aber dieser Gedanke ist so schrecklich, dass ich vielleicht doch lieber vorschlagen möchte, uns fortan von Lichtnahrung zu ernähren, die uns die Sonne großzügig schenkt, ohne dabei etwas zurückzufordern. Dieses Geschenk können wir allerdings nur dann nutzen, wenn wir nicht Veganer werden, sondern Vegetabilien, nämlich Pflanzen, und damit den zerstörerischen Kreis unserer Lebensbedingungen durchbrechen.

Sternsinger und Trick-or-Treaters

Eine interessante europäische Tradition sind Kinder, die zu Beginn eines neuen Jahres bei den Menschen auftauchen, um von ihnen eine Abgabe zu erheben. Die römisch-katholische Kirche tritt hier als Ordnungsmacht auf, die dazu berechtigt ist, Steuern zu erheben. Deren Betrag ist nicht fest wie das später bei der Kirchensteuer der Fall wurde, wo etwa der klassische „Zehnte“, also 10 Prozent verlangt werden, sondern es handelt sich um eine „freiwillige“ Abgabe, die sich nach dem guten Ruf bemisst, den der so Erpresste in der Gegend genießt. Je großzügiger er die Boten der Kirche beschenkt, desto beliebter macht er sich wahrscheinlich, zumindest, wenn er mit seiner Spende deutlich über das sonst gespendete durchschnittliche Volumen hinaus geht. Die Steuereintreiber der Kirche sind Kinder verschiedener Altersstufen. Die Kleinen sind in der Überzahl. Sie sind Sklaven im wahren Sinn des Wortes. Sie machen die Arbeit und kriegen dafür nichts. Dann gibt es einen Aufseher in Form eines älteren Kindes, das darauf achtet, dass eingesammelte Geldbeträge in eine Metallbüchse gesteckt werden, für die nur der Kirchenaufseher zuhause den Schlüssel hat. Aufgrund seiner privilegierten Stellung kann der Aufseher schweigen, wenn Lieder gesungen werden. Seine Aufgabe ist es, mit der Kreide über den Türstock Kreuze und die Buchstaben C M und B zu malen, was nicht für Caspar, Melchior und Balthasar steht, sondern für Christus Mansionem Benedicat, Christus segne diese Haus. Gemeint damit ist, dass jemand, dessen Haus dieses Zeichen trägt, von böswilligen Anschlägen und Raubzügen verschont bleiben möge, zumindest sofern es sich bei den Räubern um Christen handeln sollte, die Menschen ihrer Religionszugehörigkeit nicht an Leib und Leben wollen. Ein zweischneidiges Schwert, diese Kreidezeichnung, in Gesellschaften, wo Muslime oder Heiden größere Raubgemeinschaften bilden, denn die wissen dann ja, wen sie am ehesten angreifen sollen. Doch in einer Kultur, wie sie Europa in den letzten Jahrhunderten gepflegt hat, sind die Kreidezeichen taugliche Signale für Pogrome, wo der Pöbel dann weiß, wo die Juden wohnen – und wo eben nicht.

Kinderarbeit, Erpressung, Geldschneiderei, Ausgrenzung anderer Religionszugehöriger – all das kombiniert sich im Fall der römisch-katholischen Kirche mit den theatralischen Elementen, für die diese Glaubensrichtung bekannt geworden ist. Die Kleinen werden ausstaffiert wie kleine Bischöfe mit aufgemalten Schnurrbärten, was sie verwegen wirken lässt, und eher so aussehen wie die drei Musketiere als wie Weise aus dem Morgenland. Früher einmal musste sich ein Kind dafür hergeben, sein Gesicht schwarz anmalen zu lassen. Einer der Könige, so die Vorstellung, war Afrikaner. Heute kann man das offenbar keinem Sternsinger mehr zumuten, mit den Einwohnern dieses Kontinents gedanklich in Verbindung gebracht zu werden, weshalb die heiligen drei Könige zwar bunte Gewänder tragen, aber alle sehr „kaukasisch“ aussehen, wie das die Amerikaner nennen.

Apropos. Die heidnische, amerikanische Variante der Sternsinger sind Kinder, die zu Halloween durch die Nachbarschaft ziehen und wie Sternsinger bei den Häusern vorsprechen und Süßigkeiten wollen. Trick or Treat heißt hier die kapitalistische, freihandelszonenmäßige Variante der Sternsinger. Die Kinder ziehen aus eigenem Antrieb los, sind freie Unternehmer. Sie spielen erst gar nicht das elende Täuschungsspiel der Kirche, die Zeremonien und Musik gegen Sachwerte eintauscht selbst wenn die damit konfrontierten Kunden keinen großen Wert darauf legen. Eigentlich singen die Sternsinger immer gleich los, wenn man die Tür aufmacht, also hat man die Ware Gesang schon erhalten und wird automatisch zahlungspflichtig. Der Trick-und-Treater macht das anders. Er verbirgt sich hinter einer Maske wie Zorro, damit man ihn nicht erkennt. So wird er schrecklicher und kann die mafiöse Drohung glaubhaft machen, dass er im Fall einer Nichtbezahlung einfach eine Scheibe einschlägt oder einem gar das Haus über dem Kopf anzündet. Diese Erpressung ist unmittelbarer, ehrlicher und entspringt in gewisser Hinsicht aus der Wurzel eines „nackten“ Kapitalismus, während die Sternsinger von der Last der Tradition niedergedrückt werden, und selbst machtlos bleiben, bloße Marionetten einer fernen Firmenzentrale in Rom sind, die mit dem Geld, das sie so aus harmlosen Bürgern herauspressen, wahrscheinlich viel Gutes und Wohltätiges vollbringen.

Der gesundheitsfördernde Aderlass

Der gesundheitsfördernde Aderlass

 

von Berndt Rieger

 

 

 

 

Zu den häufigsten medizinischen Darstellungen des Altertums und des Mittelalters zählen Bilder von nackten Menschen, deren Körperteile mit Tierkreiszeichen besetzt sind. Diese schematischen Zuordnungen sind Handlungsanweisungen für Ärzte, die sich in einer Zeit, in der Menschen offenbar „hitziger“ waren als heute, vor allem mit einer Therapie befassten: Dem Abzapfen des Lebenssaftes Blut in Form von Aderlässen. Lange vor der Entwicklung dünner, geschliffener Nadeln und Vakuumflaschen muss das eine ziemlich unangenehme Therapie gewesen sein. Dass diese Behandlung aber trotzdem so beliebt und auch als wirksam empfunden wurde, zeigt die Tatsache, dass sich der Aderlass über viele Jahrhunderte in der Medizin gehalten und dabei über den gesamten damals bekannten Erdkreis ausgestreckt und in verschiedenste Kulturen Eingang gefunden hat.

Zur Ader zu lassen ist eine Therapieform, die sich selbst heute noch in der naturwissenschaftlich geprägten Medizin der westlichen Welt, die ihre Patienten eigentlich darauf konditionieren möchte, bei Krankheit vorzugsweise eine Tablette zu schlucken, eher selten geworden ist. Aber gerade aus dem Kreis der Menschen, die Hildegardmedizin betreiben, kommen hier wichtige Impulse. Die meisten davon lassen sich einmal oder zweimal im Jahr etwas Blut abnehmen, zumindest soviel, wie im Liegen von selbst heraus läuft. Und sie achten darauf, dass diese Maßnahme zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem der Einfluss der Gestirne möglichst ausgeglichen ist. In den ersten Tagen nach Vollmond stehen Sonne und Mond – die nächsten Himmelskörper, die messbare Einflüsse ihrer Schwerkraft auf die Erde ausüben – nämlich auf verschiedenen Seiten der Erde, wodurch sie sich gegenseitig gut austarieren. In dieser Situation kann das Element Wasser im Körper gefahrlos bewegt werden in der Hoffnung, dass der Körper auch auf dem Weg der Blutung Gifte ausscheidet. Dass es vor allem Frauen im Klimakterium sind, die diese Therapie wahr nehmen, kann nicht verwundern. Denn Frauen im jungen Lebensalter sind es gewohnt, dass sie monatlich 200 ml oder mehr im Rahmen einer Blutung ausscheiden, die von der Natur an den Mondumlauf angepasst wurde. Es erscheint ihnen nur logisch, die Reinigung, die ihre Gebärmutter über so lange Zeit durchgeführt hat, nach dem Stillstand der Blutung über die Ader bis ins hohe Alter fortzusetzen.

 

Von der Schulmedizin wurde der Aderlass nicht ganz vergessen. Vorwiegend wird er heute noch bei der Eisenspeicherkrankheit, der Hämochromatose, durchgeführt. Viele andere Menschen leiden an Eisenmangel. Hier wäre es nicht gut, durch einen Aderlass diesen Mangel noch zu verstärken. Deshalb ist es wichtig, vor seiner Durchführung medizinisch zu überprüfen, ob er denn überhaupt notwendig ist. Man kann dies mit den Methoden der alten Ärzte tun. Sie überprüften die Pulsqualitäten, die Temperatur von Händen und Füßen und die Feuchtigkeit von Zunge und Haut. Kurz zusammenfassen kann man diese Prinzipien so: Wenn jemand viel Wärme in sich hat, eignet er sich für den Aderlass. Ist er aber bereits blass und kühl, dann darf man ihn gar nicht oder nur sehr eingeschränkt in der Hoffnung durchführen, eine Entgiftung zu erreichen. Es war die falsche Anwendung des Aderlasses durch die Bader des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, die dazu führte, dass sich die Schulmedizin vom Aderlass in großen Teilen abgewandt hat. Das ist schade, denn auch beim Bluthochdruck oder zur Entzündungsneigung kann man hier durch das Abzapfen von Blut eine Stärkung der Gesundheit auch aus der Sicht der akademischen Medizin bewirken.

 

Es wäre reizvoll, den Aderlass heute wieder verstärkt so durchzuführen wie das die großen Ärzte des Altertums gemacht haben. Der Äbtissin Hildegard von Bingen am Rhein des 12. Jahrhunderts standen dafür nur eingeschränkte Informationen zur Verfügung. Zwar hatte sich die Altertumsmedizin über die die nichtchristlichen Gebiete des ehemaligen römischen Reichs und arabische Gelehrte über die Schule von Salerno und die Benediktinerklöster zwar auch im Mittelalter wieder in Spuren ausbreiten und bis zum heutigen Tag erhalten können, doch das Ganze ist doch Stückwerk geblieben und muss wie ein Puzzle neu zusammengesetzt werden. Hildegard hat ihre Einlassungen zum Aderlass aus dem damals vorhandenen Wissen verfasst. Heute ist uns stärker bewusst, wie sehr die Alten das Wirken der Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde im Körper bei ihren Heilungsversuchen in den Vordergrund stellten. Bei Hildegard heißt es: „Wenn bei einem Menschen die Gefäße mit Blut überfüllt sind, müssen sie durch einen Aderlass von dem schädlichen Schleim und den durch die Verdauung gelieferten Fäulnisstoffen gereinigt werden.“ In die Sprache des Altertums übersetzt heißt die Überfüllung mit Blut, dass einerseits zu viel Kälte und Feuchtigkeit im Blut herrscht, das ist der Schleim, der das Element Wasser vertritt. Und dann sind dort die durch die Verdauung gelieferte Fäulnisstoffe, die das kühle und trockene Element Erde verkörpern. All das schwimmt im feuchten und heißen Blut, das eigentlich dem Element Luft zugeordnet wird. Wir sehen also: Hildegard führt den Aderlass nicht deshalb durch, weil das Blut gleichsam im Übermaß vorhanden ist und Hitze und Feuchtigkeit den Körper quälen. Ihre Perspektive ist die einer älteren Person, die sich tagtäglich mit Altersveränderungen herum schlägt. Das sind die kühlen Elemente, die uns einerseits Wassereinlagerungen und eine instabile Blase und andererseits trockene, verkalkte Gewebe bescheren.

 

Die Alten wussten, dass der Aderlass sich vor allem für Menschen eignet, die feurig oder luftig sind, also im Übermaß an den warmen Elementen erkranken. Es sind junge Menschen, die man so therapiert, oder tatkräftige Naturen im besten Alter. Wer die Wärme und Feuchtigkeit des Blutes abzapfen will, läuft aber auch Gefahr, die Lebensenergie des Menschen zu mindern.

Wie kam man überhaupt auf die Idee, Menschen zur Ader zu lassen? Wahrscheinlich beobachtete man schon frühzeitig, dass Menschen, die zu spontanem Nasenbluten neigen, auch rote Backen und hitzige Krankheiten haben. Oder dass Frauen, die „hitzig“, also tatkräftig und leidenschaftlich sind, eher kräftige Monatsblutungen haben und davon auch seelisch ausgeglichen werden. Diese Selbstentlastung des Körpers durch einen „natürlichen Aderlass“ kann medizinisch genutzt werden. In einer Zeit, in der die meisten Menschen im Krieg auf dem Schlachtfeld durch Blutverlust starben oder durch Aufschneiden von Pulsadern Selbstmord begingen, ist nicht anzunehmen, dass man der medizinischen Durchführung von Aderlässen naiv gegenüber stand. Im Gegenteil. Dass sich der Aderlass als Therapieform durchgesetzt hat, ist nur durch eines zu erklären: Dass er unter richtiger Anwendung auch geholfen hat. So „wirkungslos oder schädlich“, wie man heute in der akademischen Medizin behauptet, wird die Aderlasstherapie wohl eher im Mittelalter geworden sein, als zu viele Unkundige, die keine medizinische Ausbildung hatten, Aderlässe bei Patienten durchführten, bei denen sie keineswegs angebracht waren. Wer aber zu viel Hitze im Körper hatte, wird davon geheilt worden sein. Auch heute noch setzt der Heilpraktiker bei Bluthochdruck oder entzündlichen Krankheiten den Aderlass ein und hat damit Behandlungserfolge, die chemischen Arzneien mitunter verwehrt bleiben. Warum sie hilft? Weil diese Krankheiten ein Übermaß an Hitze und Feuchtigkeit im Körper, also ein Überschießen des feuchtwarmen Elementes Luft bedeuten, das vor allem im Blut gespeichert wird. Dieses Ungleichgewicht kann man positiv beeinflussen, indem man den Anteil des Blutes im Körper leicht vermindert. Wie das aber richtig zu geschehen hat, dafür gibt es alte und genaue Regeln, auf die das Aderlassmännchen hinweist. Unter diesem Begriff versteht man eine schematische Zeichnung, die die Beziehung der einzelnen Tierkreiszeichen zum Körper des Menschen zeigt. Nach diesem Schema führt man im Frühjahr den Aderlass im Bereich des Kopfes durch, im Sommer auf Herzhöhe, im Herbst im Bereich der Hüften und im Winter an den Beinen. In der Praxis suchte man aber wahrscheinlich in den meisten Fällen die Ellenbeuge auf, denn dort findet man außen die so genannte Kopfvene, in der Mitte die Herzvene und auf der Innenseite die Lebervene. Die Kopfvene steht für das Element Wasser, das vor Frühjahrsbeginn angestaut ist, die Herzvene für das Element Luft, das im Frühsommer seinen Höhepunkt hat und die Lebervene für das Feuer, das am Ende des Sommers, also Ende August eine Entlastung verlangt. Eine vierte Vene für das Element Erde fehlt, weil es trocken und kühl ist und somit jeder Aderlass schädlich sein muss, denn er ist dazu angetan, den Krankheitszustand zu verschlechtern.

 

Dass aber mitunter auch an den entsprechenden Körperregionen zur Ader gelassen wurde, zeigt das „Lorscher Arzneibuch“, eine Rezeptsammlung aus dem 8. Jahrhundert nach Christus. In ihr finden sich auch Empfehlungen über den Aderlass. Das besondere daran: Dieser wird je nach Monat und Jahreszeit gezielt und auf einzelne Körperregionen beschränkt angewandt. Im April heißt es noch ganz allgemein, man solle zur Ader lassen. Das ist schnell verständlich, denn in diesem Monat kommt es häufig aufgrund des raschen Wechsels vom kühlfeuchten Winter zum feuchtwarmen Frühjahr zu überschießenden Reaktionen, die man sehr gut mithilfe eines Aderlasses ausgleichen kann. Für den Mai empfiehlt das Buch, „die Lebervene zu schlagen“. Gemeint ist damit in der Ellenbeuge die am weitesten einwärts gelegene Vene, die man mit der Leber, dem Organ des Feuers, in Verbindung bringt. Im Mai steht die Sonne hoch, hat vielfach schon sommerliche Wärme, weshalb bereits einem Überschießen des Elementes Feuer vorgebaut werden soll. „Im Monat Juli soll man weder lassen noch schröpfen, auch nicht aus den Blutadern in dieser Zeit, und man soll auch keinen Abführtrank nehmen“, heißt es danach. Jetzt steht die Sonne am höchsten, der Mensch ist ausgetrocknet durch die Hitze des Sommers und kann es nicht vertragen, wenn noch Feuchtigkeit aus dem Blut abgezapft wird. Bis zum Spätherbst ließen die Alten die Adern ruhen. Erst dann liest man: „Im Monat November und Dezember gut man gut daran, eifrig die Leberader zu schlagen sowie Schröpfköpfe zu setzen, weil zu dieser Zeit alle Säfte bereit sind.“ In dieser Zeit kommt es zu einem Anschwellen des kühlfeuchten Elementes Wasser, das einen großen Teil der Erkrankungen des Winters hervorruft, darunter neben Wassereinlagerungen vor allem Verdauungsbeschwerden. Die Volksmedizin geht dagegen schon seit vielen Jahrhunderten vor, indem es zu Weihnachten Zimt, Ingwer und andere wärmende Gewürze einrichtet. Diese aber überlasten Magen und Darm, wogegen dann der Aderlass gut hilft. Ist die kalte Jahreszeit aber fortgeschritten, ist Vorsicht am Platze, denn jeder Blutverlust kann auch die Kälte im Körper verstärken. Hier warnt auch das „Lorscher Arzneibuch“ vor Aderlässen im Januar und erwähnt für den Februar, man möge höchstens „am Daumen“, also möglichst körperfern das Blut entfernen, um das Kreislaufsystem möglichst ungeschoren zu lassen.

Aus dem „Lorscher Arzneibuch“ ziehen wir vor allem die Leere, dass ein Aderlass vor allem im März und im November und Dezember ratsam ist.

 

 

Das Aderlassmännchen ist so konstruiert, dass die oben an Kopf und Hals die Tierkreiszeichen des Frühjahrs, am Stamm die des Sommers, an den Beinen die des Herbstes und ganz unten in der Nähe der Füße die des Winters sitzen. Es gibt hier keine klaren Informationen, ob man dort in diesen Jahreszeiten oder an Tagen oder Stunden zur Ader lassen soll, wenn diese Tierkreiszeichen unter astrologischen Gesichtspunkten dominieren. Aus medizinischer Sicht bedeutsam ist, dass sich das Element Luft im Frühjahr logischerweise um die Atemorgane herum konzentriert und ein Aderlass, der in dieser Region durchgeführt wird, in das Zentrum des Problems zielt. Deswegen beißt ja auch ein Vampir in die Adern der Halsregion, weil er sich dort in unmittelbarer Nähe von Luftröhre, Kehlkopf und Bronchien das hellste und kräftigste Blut verspricht. Ebenso macht es Sinn, dass die Tierkreiszeichen des Sommers um die Leber herum platziert sind. Denn dort, im aktivsten Stoffwechselorgan des Körpers, wird das Element Feuer entfacht. Treten auf dem Bauch Krampfadern aufgrund einer Leberüberlastung oder -verhärtung auf, ist es gute Tradition, dort bevorzugt zur Ader zu schlagen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass das Stoffwechselorgan der Leber ganz in der Mitte des Körpers liegt, wo auch die Körperkerntemperatur für Wärme sorgt. In der Leber werden Nahrungsbestandteile bei Bedarf in Hitze umgewandelt. Die Leber ist also nach Vorstellung der Alten der Sitz des Elements Feuer, und die Galle der Körpersaft, mit dem sich die Leber von einem Hitzestau entlasten kann. Aderlässe in der Nähe zur Leber sind dann Entgiftungen, mit denen sich am Besten ein Austrocknen des Körpers verhindern lässt, denn das Trockene sitzt im Körperkern. Die Herbststernbilder sind um das Becken herum eingetragen. Sie verkörpern das Element Erde, das seinerseits das mineralische Element und die Fruchtbarkeit der Natur darstellt. So wie der Darm den Körper ernährt, ernährt die Erde ihre Lebewesen. Und so wie ein Same in der Erde zur Pflanze heranwächst, sind im Bereich des Beckens die Fortpflanzungsorgane des Menschen untergebracht. Gerade der Samen des Menschen verträgt keine Wärme und wird deshalb sogar außerhalb des Körpers gelagert. Das passt zu den Eigenschaften des Elementes Erde, nämlich Kühle und Trockenheit. In dieser Region sind Aderlässe prinzipiell eher unerwünscht. Menschen aber, die Hämorrhoiden aufweisen, die immer wieder zum Bluten anfangen, zeigen nach der alten Lehre Hinweise darauf, dass ihr Körper vergiftet ist und von Aderlässen profitieren könnte. Letztlich kommt es zum kühlfeuchten Element des Winters. Die Tatsache, dass hier Adern – vor allem in Form von Krampfadern – bei den meisten Menschen stark hervortreten, ist ein Zeichen der Natur, dass hier die Medizin auf den Plan treten muss. Wie schon bei dem Element Erde ist auch die Krampfader des Elementes Wasser ein Alterungszeichen, tritt vielfach erst um die Lebensmitte herum auf. In dieser Zeit kühlt der Mensch prinzipiell aus, wodurch die Möglichkeit, ihm mit Aderlässen zu helfen, eingeschränkt wird. Und doch ist die Entgiftungsfunktion eines Aderlasses auch im Alter sehr hoch. Eine Möglichkeit, die Schädlichkeit des Aderlasses in dieser Lebensphase abzumildern, ist die, möglichst körperfern zur Ader zu schlagen. Also nicht am Körperstamm oder an den Armen, sondern an den Beinen oder gar Füßen, die schon an sich kalt sind und deshalb weniger heißes Blut abgeben können. So leitet man bei einem Aderlass an den Beinen eher kühles, dunkles Blut und somit wässrige oder erdige Teile aus dem Körper aus. Im Klartext heißt das also: Erde und Wasser, die kühlen Elemente, entfernt man aus dem Kreislauf am Besten in der Peripherie, und Feuer und Luft, die warmen Elemente, am Besten aus der Nähe des Körperkerns. Diese Information gibt uns das Aderlassmännchen. Leider haben Therapeuten schon früh den einfachen Ausweg gesucht und die drei Venen, die man in der Ellenbeuge findet, nach dem Kopf, dem Herzen und der Leber benannt im Versuch, möglichst nur im Bereich der Arme, wo man so einfach und gefahrlos die Venen stauen kann, arbeiten zu können. Eine bessere Wirkung gerade bei alten Menschen aber ist durch Aderlässe an den Beinen zu erzielen.