Fake News und Fake Justice

Der amerikanische Präsident Donald Trump hat den Begriff der „Fake News“ populär gemacht und meint damit falsche, erfundene Nachrichten, die ihm schaden sollen. Bei genauerer Betrachtung kann sich „Fake News“ jedoch aus vier großen Gruppen bedienen und diese auch in einem einzelnen Bericht vermischen:

  1. Unerwünschte teilweise oder vollständig wahre Nachrichten, die den Gegner betreffen
  2. Unerwünschte teilweise oder vollständig falsche Nachrichten, die einen selbst betreffen
  3. Erwünschte teilweise oder vollständig wahre Nachrichten, die den Gegner betreffen
  4. Erwünschte teilweise oder vollständig falsche Nachrichten, die einen selbst betreffen

Das heißt, der Begriff „Fake News“ kann ruhig wieder auf den Begriff der „News“ zurückgeführt werden, denn so ist es nun einmal: Die Nachrichtensammler und -verbreiter sind eine bunte Mischung von Menschen, die aus verschiedenen Motiven heraus arbeiten und eine objektive Wahrheit ist nur sehr schwer herzustellen. Weil das so ist, braucht jeder einen Bullshit-Filter, und dort, wo der Filter kaum ausgebildet ist, wendet man sich gerne ans Internet, an einen, wie man meint, geeigneteren Filter. Hier hat Wikipedia beispielsweise bei vielen Menschen Ammenfunktion. Was dort steht, ist wahrscheinlicher informierter oder wahrer als das, was man selbst zu wissen glaubt, und der Abgleich mit Wikipedia führt einen dann ja tatsächlich oft näher an die Wahrheit, oder muss noch durch eine andere Nachrichtenquelle abgeglichen werden. Dass wir uns hier aber auf der Suche nach der Wahrheit im Internet aufhalten, ist nicht gut. Denn dort ist Wahrheit ebenso schwer zu finden wie Gerechtigkeit. Zu diesem zweiten Punkt wollen wir nun noch einiges überlegen.

Justice und Fake Justice.  Letzteres würde bedeuten: „Falsche Strafe“ oder besser noch: „Ungerechtfertigte Bestrafung“. Wenn jemand einen Verstoß gegen Gesetz oder Regeln begeht, kann es sein, dass er dabei unbeobachtet und dann wahrscheinlich auch straflos bleibt. Das gibt es heute kaum mehr. Elektronische Partikel bleiben überall von allem übrig, was wir tun. Wird man bei einer Missetat beobachtet oder hinterlässt Spuren, erfolgt häufig als Reaktion darauf eine Form der Bestrafung durch andere Menschen, die den Verstoß registriert haben und darauf reagieren. Diese Reaktion ist selten voller Mitgefühl und Verständnis sondern meist ablehnend und rachesüchtig.

Unsere Zivilisation baut  zwar darauf, dass es ein Gesetz gibt, demzufolge die Bestrafung abläuft, doch das Individuum will davon eher nichts wissen. Das herkömmliche Gesetz ist ein Konvolut unzähliger Bestimmungen, die immer wieder der Revision unterliegen, es existiert und Juristen studieren es auch und versuchen es anzuwenden. Davon weiß der Einzelne nur wenig. Unser entstandenes Recht wäre  aber das Nächste, was wir in Richtung „Real Justice“ haben, ein wahrhaftiges Recht, das auch von einem Gericht gesprochen werden kann nach Abwägung von Beweisen und Anhörung von Zeugenaussagen.  Der Begriff der „Real Justice“ ist aber schon besetzt mit der Bedeutung „Gerechtigkeit“, und da wird die Sache kompliziert. Gesprochenes Recht ist nicht immer gerecht, das stimmt ja. Es ist sogar der Regelfall, dass in dem Moment, wo Recht gesprochen wird, der Verlierer (mitunter auch der Gewinner) den Eindruck hat, es sei ihm gar kein Recht geschehen, und der Richterspruch sei ungerecht, „fake justice“.  In dieser Situation haben wir heute als einzelne Person die zunehmende Möglichkeit, unser persönliches Rechtsempfinden über die sozialen Medien auszudrücken, indem wir unsere subjektive Wahrheit (Stichwort Fake News) dort vertreten und zugleich unsere Selbstjustiz dort ausüben können. Stimmen uns viele Menschen zu, indem sie beispielsweise unsere „Friends“ oder „Followers“ sind, versuchen wir damit zu prunken. Auch hier ist der amerikanische Präsident Donald Trump ein gutes Beispiel. Er hat 50 Millionen Follower auf Twitter, von denen ein erheblicher Teil dem Inhalt seines Zwitscherns zuzustimmen scheint. Er schafft damit eine Blase subjektiver Gerechtigkeit, und weil andere ähnlich vorgehen, leben wir heute in einer Zeit der subjektiven Gerechtigkeitsblasen, wo die größere den Eindruck vorgibt, auch die gerechtere zu sein. Dieses System tritt in direkter Konkurrenz mit unserem Rechtssystem, oder das wäre der Fall, wenn jenes nicht  ohnehin so langsam wäre, dass man es fast vernachlässigen kann. Binnen Sekunden steht die neue fake Gerechtigkeit im Raum, während der Rechtsstaat sich erst nach Monaten oder Jahren zu dieser Frage äußern könnte. Das heißt, wir leben im Zeitalter der Selbstjustiz und der Lynchjustiz, einer Form der Gesetzlosigkeit, die so schlimm ist, dass wir Jahrtausende zurückgehen müssen, um eine vergleichbare Kultur zu finden, die nach solchen Regeln mehr oder weniger gut funktionierte.

Im Zeitalter der Fake News wird jede Frage von Recht und Gerechtigkeit zu Fake Justice gemacht. Egal, ob ein Mörder rechtskräftig verurteilt wird, es wird eine bestimmte Anzahl von Menschen geben, die ihn für unschuldig halten. Je stärker jemand in den sozialen Medien tätig ist und je häufiger seine Tweets geteilt werden, desto mächtiger wird er auch als Richter in einer Blase, die mit der „Blase“ des Rechtsstaats in Konkurrenz tritt. So konnte es geschehen, dass heute eine Anschuldigung binnen Sekunden zum Urteil werden kann, mit allen Konsequenzen. Wo früher zumindest im englischen Sprachraum das Grundprinzip „Unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils“ galt, ist das längst vorbei. Wenn jemand angeklagt wird, ist damit auch schon das erste rechtskräftige Urteil erfolgt und der Beschuldigte tritt bereits die erste Strafe an. Je nach Aktivität der sozialen Medien können dieser Strafe noch weitere folgen, und da es sich um Lynchjustiz handelt, endet der Fall oft erst dann, wenn jeder Teilnehmer am Verfahren dem Angeklagten seinen eigenen persönlichen strafenden Tritt versetzt hat. Man erkennt hier die Parallele zu alttestamentarischen Bestrafungsverfahren wie der Steinigung, gegen das sich ja bekanntlich Jesus mit dem Hinweis gewandt hat, wer selbst unschuldig sei, werfe den ersten Stein. Auf Facebook oder Twitter sind dergleichen christliche Gedanken aber so abwegig, dass wir an dieser Selle darüber gar nicht weiter nachdenken müssen. Es reicht, die Kommentarfunktion einer Zeitung zu aktivieren und Leser Anmerkungen machen zu lassen, und man erkennt sehr schnell, dass die Blase der Fake Justice im Urschleim der menschlichen Entwicklung entsteht, in einer Wildnis fern aller Zivilisation.

In dieser Blase versucht das „wirkliche“ Rechtssystem zu stechen, da will es einhaken und stellt dort die Frage, was davon justizabel ist, was verboten werden muss und sortiert dort erst mal die gröbsten Brocken, wie Androhung von Leib und Leben. Das ist ebenso ehrenwert wie in den meisten Fällen wirkungslos, denn wie ehemals Piraten ganze Landstriche plünderten und dann wieder verschwunden waren, findet das heranziehende Heer der Justitiare oft nur mehr verbrannte, verlassene Stätten vor. Damit sei aber nicht gesagt, dass gegen die Fake Selbstjustiz nichts getan werden kann. Es gibt zwei Punkte, an denen ein Rechtsstaat einhaken kann. Der erste besteht darin, den Erzeuger und Verbreiter schädlicher Fake News ausfindig und für die Folgen haftbar zu machen. Wenn der Androhung von Gewalt wirkliche Gewalt folgen sollte, wird dem Drohenden nach dem Verursacherprinzip ein Teil der Schuld zugeschrieben und auch ihm eine Strafe zugeteilt.  Als zweites müsste noch viel genauer festgehalten werden, wie Fake News im obigen Sinn einem Menschen schadet, und je nach der Art und dem Ausmaß der Schädigung muss dann einer oder müssen mehrere Schädiger ausfindig gemacht werden, die den entstandenen Schaden wieder gutmachen, ihn ersetzen müssen.  In einer Zeit der umfassenden Datensammlung stehen uns unzählige Möglichkeiten zur Verfügung, zur Gerechtigkeit zu finden.

Ein gutes Beispiel, mit dem dieses Prinzip illustriert werden kann, ist die Geschichte des Schauspielers Kevin Spacey, der seit dem Oktober 2017 aus der Öffentlichkeit verschwunden ist aufgrund der öffentlichen Reaktion auf eine alte Geschichte. 31 Jahre vorher, im Alter von 26 Jahren, hatte er sich spätabends nach einer Party betrunken auf einen 14-jährigen Jungen gelegt, der bei ihm übernachtete,, in den Schritt gefasst und ihn geküsst, Als er auf Widerstand stieß, hat er sich zurückgezogen. Diese Geschichte war Spacey, wie er selbst sagte, nicht mehr erinnerlich gewesen. Dieser Fall wurde als sexuelle Belästigung eines Minderjährigen so lange öffentlich verhandelt, bis Spacey seine Lebensgrundlage verloren hatte, eine Form der Auslöschung, die an ein Todesurteil erinnert. Dieses Urteil erging binnen weniger Tage außerhalb des Rechtssystems, das wohl seit Januar 2018 langsam in Gang gekommen ist und den Fall untersucht und wahrscheinlich zu gegebener Zeit auch Recht sprechen wird. Viel kann dabei nicht herauskommen, schon wegen der Verjährung solcher Taten, über die an anderer Stelle zu sprechen wäre. (Eine Verjährung von Verbrechen sollte es ja grundsätzlich nicht geben, da sie höchstens einen Täter oder mutmaßlichen Täter begünstigen kann.) Aber auch, weil eine sexuelle Belästigung eines 14 jährigen (der im Übrigen wie ein Erwachsener  nachts selbständig in der Partyszene unterwegs ist, und so kräftig ist, dass er sich wehren kann, aber das wäre rechtlich irrelevant), vom geltenden Rechtssystem nicht mit  scharfen Sanktionen belegt ist. Jedenfalls steht darauf nicht wirtschaftliche Vernichtung, und lebenslanger Ächtung. Dass hier das mühselig erarbeitete, die Zivilisation tragende Rechtssystem aber ignoriert werden wird, steht fest. Die Vernichtung der öffentlichen Person Kevin Spacey ist bereits heute so gründlich, so umfassend durchgeführt worden, dass er künftig wahrscheinlich nicht mehr viel  Positives erwarten kann, selbst wenn er noch viele Jahre leben sollte. Sollte er finanzielle Rücklagen haben, wird er dieser vielleicht aufbrauchen dürfen, aber als Schauspieler arbeiten können wird er nicht mehr. Es sei denn, es würde eine neue Blase der Fake Justice entstehen, die ihn rettet und ihn von Schuld freispricht und aus dem Hades heraus wieder in das Licht der Welt führt. Einem Orpheus sollen derartige Heldentaten beinahe gelungen sein.

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