Barbusiges

Es wird Sommer, und im Schwimmbad tragen alle Frauen mit Bikini auch ihren Oberteil, außer in verschämten Situationen, wo man sich auf den Bauch dreht, um sich den Rücken makellos bräunen zu lassen.  In den 1970er Jahren und etwas später noch war das ganz anders. Ein großer Teil der Frauen in Bädern oder am Strand war damals barbusig, und die Männer haben nicht geglotzt, außer der eine oder andere „Spanner“. So einer kam dann vorzugsweise aus der vorherhergehenden, der Kriegsgeneration, beispielsweise einer wie der ehemalige FDP-Politiker Rainer Brüderle, der heute oft auch zu Recht auf den Anmacherspruch reduziert wird, seine Gesprächspartnerin an der Bar könne mit ihrem Busen „schon ein Dirndl ausfüllen“. Man kann an dem Vergleich das verstohlene, heimliche Betrachten der (wohl zum Großteil verdeckten) Brust dieser Frau erkennen, und auch die Distanz, die in jener Generation zwischen Mann und Frau herrschen konnte.

Die Babyboomer, wie man heute Menschen nennt, die Ende der 1950er, Anfang der 1960er geboren wurden, empfanden das ziemlich anders. Ihnen fiel so ein Busen wie auch die Nähe zwischen Mann und Frau – wenn es denn dazu kam –  eher zufällig in den Schoß. Eine alte, verbrauchte Sprache dazu zu bemühen, körperliche Nähe herzustellen, war da verpönt, denn man war auf dem Weg in eine neue Zukunft. Die Frau legte den Büstenhalter aus freien Stücken ab, und sie war dort, wo es sinnvoll erschien, selbstverständlich barbusig oder nackt, weil innerlich frei. Sie suchte sexuelle Erfahrungen, man nannte das „sexuelle Befreiung“. Man wollte „sich“, wie man das nannte „ausprobieren“, öffnete sich aus eigenem Antrieb einer Welt, die bunt erschien, und die ungebunden, und neu sein sollte.

Einige Jahre lang ging das gut, aber schon zu Beginn der 1980er Jahre begann dann eine Gegenbewegung, die bis heute anhält und alles Barbusige – dieser Begriff soll hier als Metapher für das Freiheitsgefühl gelten, sein Herz zu öffnen, und unverfälscht, ohne Fesseln zu leben – erdrückt hat. Es begann mit der Schaffung der Krankheit AIDS als Meme einer tödlichen Bedrohung für alle, und die automatische Verknüpfung des Gedankens der sexuellen Freiheit mit der Gefahr sexuell übertragender Krankheiten. In dieser Zeit hat sich die Nacktheit aus dem Alltag mehr und mehr verabschiedet und ist auf die Pornographie reduziert worden, die sich ihrerseits aus dem geheimen, abgeschiedenen Winkel, in dem sie lange vor sich hin vegetierte, hinaus in den Alltag hinein entwickelt hat und seit dem Internet ubiquitär geworden ist – frei verfügbar an allen Stellen der Welt, wo es Internet gibt.

Mit dieser Entwicklung ist selbst den Babyboomern, die in den 1970er Jahren ja meist eher weniger einfallsreich waren im gegenseitigen „sich Ausprobieren“ jede sexuelle Praktik bekannt geworden, und viele haben gelernt, diese auch erfolgreich in ihren Alltag zu integrieren – zumindest dort, wo Sexualität überhaupt noch ausgeübt wird. Seither ist beispielsweise der Analverkehr, der vor einigen Jahrzehnten noch einem Großteil der Bevölkerung schlichtweg unbekannt war, geläufige Praxis unter Jugendlichen geworden, die sich oft schon im Grundschulalter Pornos reingezogen haben und deshalb die ganze Palette der sexuellen Handlungen kennen, die in der Geschichte der Menschheit entstanden ist.

Wenn ich den Mitteilungen von Patientinnen und Patienten vertrauen darf, ist die konkrete Ausübung von Sexualität mit einem anderen warmen, lebenden Körper hingegen in den letzten Jahren immer seltener geworden. Die meisten klagen, wenn sie dazu befragt werden, über mangelnde „Libido“. Sie haben überhaupt keine Lust auf den anderen, oder keine Zeit, oder eine Krankheit steht dazwischen, Sexualität zu leben. Im Gegensatz dazu ist der Konsum der Pornographie in den letzten Jahrzehnten immer weitergewachsen. Das heißt, wir haben vielleicht Lust, aber nicht mehr unbedingt auf reelle Personen, wir spüren diese auch weniger als die gespielte Sexualität, die wir im Porno beobachten können. Wir verbinden Sexualität immer weniger mit der Wirklichkeit. Wir sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr darauf konditioniert worden, Sexualität an das Betrachten von Bildern zu koppeln, wir schauen hin, wenn wir nackte Personen sehen, und nutzen Darstellungen von Sexualität mitunter auch zur eigenen körperlichen Befriedigung. Die Augen sind zum Portal der Sexualität geworden, über das Licht erreicht uns noch der wichtigste Impuls, der uns im Inneren erregen kann. Eine konkrete Berührung stört da nur. Kommt nämlich das konkrete Angebot der Sexualität mit einem wirklichen Menschen ins Spiel, wird die Sache komplizierter. Hier gibt es einen wirklichen Austausch, und da kommt häufig ein Unterschied zwischen den Geschlechtern zu tragen, indem Frauen eher darüber klagen, gar keine Lust zu haben, während Männer sich leidend darüber äußern, den Geschlechtsakt, den sie wohl beabsichtigen und durchführen wollen würden, gar nicht mehr durchführen zu können. Die Frau klagt über Desinteresse, der Mann über Impotenz. Das eine hängt oft mit dem anderen zusammen. Denn das Begehren der Frauen ist weniger geworden seit den Zeiten der Barbusigkeit, weil ihnen die konkrete Erfahrung der Sexualität weniger persönlichen Gewinn verspricht, und auch der Mann spürt, dass er die Illusion einer erfolgreich gelebten Sexualität immer weniger zu erfüllen vermag, und auch mit den allzeit potenten und körperlich gut ausgestatteten Pornodarstellern nicht mehr ernsthaft konkurrieren kann.

Ein interessanter Aspekt an der #metoo-Bewegung ist die Tatsache, dass jemand wie Harvey Weinstein in den Medien zum Monster gemacht wird, obwohl sich seine Aggressivität kaum mit der seiner Vorgänger messen kann, die im Vergleich mit ihm gemeingefährliche Raubtiere waren. In Hollywood hat es über 100 Jahre hinweg die „casting couch“ gegeben. Damit gemeint war, dass Frauen, die eine Filmrolle ergattern wollten, vorher mit dem Produzenten „schlafen“ mussten. Dieses „Schlafen“ wird nur sehr selten ein angenehmes Erlebnis gewesen sein und es wurde dabei auch nur selten ein Auge zugemacht. Die Frauen (oft noch minderjährig) mussten diesen Männern zu willen sein, diese durften an ihnen ihre sexuellen Vorlieben ausleben, und manche Handlungen dabei waren so einschneidend, dass Leib und Leben in Gefahr kam. Kaum ein Filmstar dieser Jahre wurde von dieser Praktik verschont, die zurückzugehen scheint auf das ius primae noctis mancher europäischer Fürsten der frühen Neuzeit, die neu vermählte Frauen in der Hochzeitsnacht „entjungferten“, um sie für die Ehe „vorzubereiten“. Das Märchen von Blaubart bezieht sich darauf, und viele Frauen, die das erlebten, werden das Erlebnis als vernichtend, als zerstörerisch empfunden haben, wie einen Seelenmord. Und manchmal kam dabei auch die Frau zu Tode, durch einen Sprung aus dem Fenster, oder weil der Fürst sie so schwer vergewaltigte, dass ihr kein Arzt mehr helfen konnte.

Im Vergleich dazu spielt Harvey Weinstein in einem großen Teil der Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben wurden, die Rolle des tapsigen Bärchens, wenn er gehetzt in Gegenwart eines begehrten Objektes masturbiert, anstatt in dieses einzudringen, oder wenn er darum bittet, ihm die Schultern zu massieren, oder wünscht, dass ihm, dem wenig Ansehnlichen, beim Duschen zugesehen werden möge. Musste in Hollywood früher häufig der Arzt, der Leichenbeschauer oder zumindest die Polizei anrücken, wenn ein Mogul seine sexuelle Aggression zu ungestüm ausgelebt hatte, redet sich jemand wie Harvey Weinstein im Vergleich dazu gerne ein, es hätten hier „konsensuelle“ Ereignisse stattgefunden, und man kann ihn auf gewisse Weise sogar verstehen. Diese seine Vermutung zeigt ja die große Distanz zwischen diesem Mann und den Menschen, die er für sexuelle oder pseudosexuelle Akte rekrutieren wollte. Denn im Licht der Tradition des sexuellen Missbrauchs in Hollywood sind diese Handlungen postmodern, weniger handgreiflich, distanzierte Phänomene, wo eine Schauspielerin, die vor einem steht, dem Täter nur mehr wie auf der Leinwand abgebildet erscheint, und die in vielen Fällen zwar zu beobachten aufgefordert wird, oder stillzustehen, während man sich befriedigt, sich an der Handlung aber nicht aktiv beteiligen muss, vielleicht auch gar nicht mehr beteiligen könnte.

Es ist das der Sieg der Pornographie über die wirkliche körperliche Nähe, was umso erstaunlicher ist, als die Schauspielerin in dieser Situation auch gar nicht mehr aufgefordert wird, sich zu entkleiden. Barbusigkeit ist von einem Weinstein gar nicht mehr erwünscht, sondern der Panzer des perfekten Aussehens muss erhalten bleiben, um überhaupt noch sexuell erregen zu können. Barbusigkeit wird hier zur Metapher des Freimütigen, Unverfälschten, so wie der Mensch wirklich ist, des Ungehemmten. So was will ein Weinstein gar nicht mehr sehen, das interessiert ihn nicht, wie diese Frau „privat“, „ungeschminkt“, barbusig ist. Wir leben in einer Zeit, wo diese Ehrlichkeit des Entblößten nur mehr stört im Bild der Perfektion, mit dem wir uns in der Öffentlichkeit etablieren sollen.

Als neulich in Frankreich eine Petition unterschrieben wurde mit dem Ziel, die dortige heimische Kultur des männlichen Balzens zu erhalten, war weltweit der Aufschrei groß und es wurde gemutmaßt, man wolle hier wohl Vergewaltigungen durch Männer die Bahn ebnen. Tatsächlich ist es in der Natur ja auch so, dass der Auerhahn mit dem Balzen einer Vogelfrau mitteilt, dass er mit ihr Sex haben will, oder dass ein Hirsch dem anderen den Schädel zu zerschmettern versucht, um bei der Hirschkuh ins Spiel zu kommen. In der Tierwelt ist dergleichen Verhalten normal, und nicht nur schön anzusehen, sondern vermutlich in den meisten Fällen auch ziemlich anstrengend. Ähnliche Anmutungen zur Paarung zeigt auch der Mensch, und davon gibt es viele Spielarten. Das Flirten, das Umwerben, das Verführen, all das sind aber nicht nur Spielarten des Mansplaining, das heißt zur Unterdrückung, zum Willfährigmachen der Frau gedacht, sondern auch Tätigkeiten, die konkrete Akte der Sexualität einzuleiten und zu ermöglichen versuchen, und daran liegt prinzipiell etwas Positives. Der Mann (manchmal macht das auch eine Frau) gibt sich konkrete Mühe, körperliche Nähe herzustellen, mit dem Ziel, konkrete sexuelle Handlungen zu ermöglichen. Im Gegensatz dazu kann man mühelos und mit verdrossener Miene ein Tablet anschalten und sich Pornographie reinziehen, ohne einen Finger krumm zu machen (außer vielleicht beim sich dabei Befriedigen). Damit hat man aber nicht einmal an der Oberfläche eines konkreten Gegenübers gekratzt. So führt Pornographie prinzipiell zu Distanz und Seelenlosigkeit, während das Balzen auch Wärme, Intimität, körperlichen Genuss ermöglichen kann.

Echtes Menscheln ist anstrengend, während Pornographie gratis befriedigt. So gesehen ist die Frage zulässig, welche Formen des Balzens oder Flirtens sich Menschen für die Zukunft bewahren und welche sie vielleicht auch entwickeln wollen, um sich näher zu kommen.  Wie wichtig ist es denn, miteinander körperliche Nähe zu erleben? Ist das etwas für Babys oder Kleinkinder, was man sich abgewöhnt und dann nicht mehr braucht? Wenn aber schon die kleinste Andeutung einer sexuellen Übergriffigkeit einen Tweet auslöst, der zur Entlassung und Karriereende führen kann, wer wagt da überhaupt noch eine Annäherung außer in geschützten Räumen wie in einer Kirchengemeinde? Wenn körperliche Nähe zwischen Menschen immer seltener und auf immer kleinere Personengruppen beschränkt wird, was bedeutet das für unser Leben? Wird es damit auch gefühlsmäßig enger und weniger barbusig, oder spielt das keine Rolle? Kommt es so weit, dass Annäherungen zwischen den Menschen letztendlich überhaupt unmöglich werden, dass sich Sexualität mehr und mehr auf die Begegnung mit Robotern verlagern und sich die Fortpflanzung auf Reagenzgläser beschränken wird? Manchmal scheint mir, dass mit dem Verschwinden der Barbusigkeit der Menschheit auch eine Freiheit der Selbstäußerung und der Selbstvergewisserung genommen wurde, und dass wir heute zugeknöpfter und weniger frei leben als noch vor 30 Jahren.

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