Die echte Paläo-Diät (für Hashimoto)

Die häufigste Frage, die mir Patienten mit Hashimoto stellen, ist die nach der richtigen Ernährung. Dazu gibt es – abgesehen von der häufig wiederholten Empfehlung, glutenfrei zu essen – im Netz zahllose Empfehlungen, die sich mitunter auch gegenseitig ausschließen. Das hat damit zu tun, dass Menschen einen sehr verschiedenen Stoffwechsel haben. Man kann das testen, indem man den Blutzuckerspiegel überprüft, nachdem Menschen dieses oder jenes verspeist haben. Wenn Sie beispielsweise Eier essen, steigt bei manchen Menschen danach der Blutzucker, bei anderen aber nicht. Ebenso ist es, wenn jemand Nudeln isst. Oder Obst. Oder Fleisch. Der eine spürt einen Energieschub und der Blutzucker steigt, bei anderen bleibt diese Reaktion aus. Die Antwort des Stoffwechsels ist unterschiedlich, und seine Bedürfnisse auch. Deshalb kann es auch keine pauschalen Empfehlungen zur „richtigen“ Ernährung geben, die auf alle zutreffen.

Wenn jemand eine entzündliche Krankheit hat wie die Hashimoto-Thyreoiditis, die auch noch eine Autoimmunkomponente aufweist, ist es interessant, die Bakterienflora im Darm zu untersuchen. Eine Fehlbesiedlung zu beheben hat schon viele Fälle einer aktiven Hashimoto-Thyreoiditis geheilt. Warum? Weil Bakterien sowohl die Verdauung und die Verträglichkeit von Nahrungsmitteln verbessern, als auch Vitalstoffe bereitstellen, und das Immunsystem schulen können. Unter den etwa 1500 Bakterien unseres Darms gibt es manche, die uns eher nützen und andere, die uns eher schaden. Der Körper versucht schädliche abzustoßen, soweit das geht, und nützliche einzuhegen, um die Verweildauer zu fördern. Doch im Großen und Ganzen resultiert die Bakterienbesiedlung aus dem, was wir essen und was dann in uns auch Futter findet. Das heißt, wir nehmen Bakterien auf und wir ernähren sie abhängig davon, was wir essen. Da gibt es verschiedene Gelüste einzelner Bakterien; die wahren Freunde aber sind jene, die pflanzliche Ballaststoffe aufspalten können und das auch gerne tun, während unsere Feinde unter den Bakterien am Liebsten Zucker und Gluten schnabulieren.  Und diese Bakterien zerstören die Schleimschicht im Darm und oder verändern die Durchlässigkeit des Darms auf Nahrungsmittel im Sinne eines Leaky Gut und stören den Verdauungsvorgang und dadurch auch die Aufnahme von Vitalstoffen und vieles andere mehr, was eine Entzündungsbereitschaft im Körper fördern und das Immunsystem zerrütten kann.

Wenn das so ist, dann geht auf der Suche nach einer für die Schilddrüsengesundheit günstige Nahrung unser Blick automatisch auf Ernährungsweisen, wie sie in der Paläo-Diät propagiert werden: So essen wie die Steinzeitmenschen. Das müsste eigentlich gut sein bei Hashimoto. Zuckerreiches meiden, kein Gluten, viele gute Bakterien. Dabei ist die Frage zu klären, was ursprüngliche Nahrung bedeutet, also jene, unter der wir entstanden sind, und was für uns bekömmlich und gesundheitsfördernd ist. Wir Menschen sind ja vor etwa 7 Millionen Jahren nicht in Europa entstanden, sondern wahrscheinlich in einem nördlichen Afrika, das von Dschungel bestanden war. Dementsprechend wird unsere ursprüngliche Diät etwa der von Menschenaffen entsprochen haben: Mitunter ein Tier, meist Obst oder eine Nuss, mal ein Vogelei. Das Obst wächst dort in der Wärme eines Tropenwaldes weit größer und nahrhafter heran, und ist ziemlich zuckerreich, ganz anders als in kühleren Regionen, wo die Früchte klein sind, und wo dann neben Insekten, Pilzen und Nüssen vielleicht auch noch Blätter oder Wurzeln oder Rinden in Notzeiten verspeist werden müssen, die riesige Ballaststoffanteile enthalten. Waren wir früher denn Tiere, die auch regelmäßig Gras  zu ihrer Nahrung zählten, wie das bei Affen der Fall ist? Fressen Affen Gras, weil sie diese Ballaststoffe brauchen? Und danach die weitere Frage: Wie weit zurück müssen wir gehen, um die für uns physiologische, beste Nahrung zu suchen? Gehen wir zurück über Millionen von Jahren, dann müssten wir uns mit Südfrüchten wohl fühlen, die in einem warmen Klima entstanden sind, und sollten viel Fruchtzucker vertragen können. Dann wäre die beste Nahrung wohl in Früchten zu suchen, die wir im Supermarkt finden und die aus warmen Klimazonen herangebracht werden. Gehen wir davon aus, dass sich der Mensch genetisch verändert hat und sich einzelnen Klimazonen und dem Nahrungsangebot angepasst hat, müssten wir umdenken. Wir wissen ja, dass Viehzucht treibende Völker nach einigen hunderten von Jahren Kuhmilch vertragen und besser zu verdauen lernen und dass diese Fähigkeit nicht innerhalb einer Generation verschwindet. Deshalb müssten wir, wenn wir uns „Paläo“ ernähren wollen, eher nach dem gehen, was vor einigen tausenden Jahren in Europa zur Speisekarte gehörte.

Die Steinzeit beginnt ja eigentlich in Afrika vor etwa 3,5 Millionen Jahren und in Europa vor etwa einer Million Jahre, und sie reicht bis vor etwa 5000 Jahren. Wahrscheinlich reicht unsere heutige Genetik einige zehntausend Jahre zurück und hat sich seither kaum geändert. Wenn das so ist, dann müsste unser Stoffwechsel in der Steinzeit von den Bedingungen geprägt worden sein, die damals in Mitteleuropa herrschten und denen unsere näheren Vorfahren ausgesetzt waren.  Sie haben gejagt und sie haben sich sonst alles Essbare im pflanzlichen Bereich zusammengesucht, was sie finden konnten.  Wenn sie Fleisch aßen, dann das ganze Tier – ein Vorgehen, wie das ja auch Raubtiere machen, die sich nicht nur die Muskeln der Beutetiere rauslösen. Da wurde nichts weggeworfen. Sie aßen die Beeren und andere Früchte, die der Wald ohne Züchtungen hergibt,  und seit Jahrmillionen bereitstellt für meist viel kleinere Lebewesen. Stellen Sie sich die Früchte nicht zu groß vor, eher wie Hagebutten, oder eben kleine Heidelbeeren und Walderdbeeren. In den Metamorphosen Ovids finden sich in der frühen Geschichte der Menschen im Goldenen Zeitalter als paradiesische Früchte noch die Kirsche, die Brombeere und Eicheln, erst in späterer Zeit gibt es den goldenen Apfel des Paris als Ausdruck der Obstveredelung im alten Griechenland, lange nach der Steinzeit. Damals aß man, was weich an vielen Pflanzen ist, die Triebe und die Wurzeln, und darunter beispielsweise die wilde Möhre, die erst  durch Jahrtausende lange Züchtung zu jener Möhre herangewachsen ist, die wir heute kennen. Damals hatte sie nur einen sehr geringen Anteil an Kohlenhydraten und war sehr bitter, wie Sie merken werden, wenn Sie heute an einer Wiese anhalten und sich eine Wilde Möhre ausgraben und kosten. Generell wurde sehr viel Bitteres gegessen, 100 x mehr als heute, und das nicht nur in der Steinzeit, sondern in den meisten  Jahrhunderten seitdem, und das vor nicht allzu langer Zeit. Eine Hildegard von Bingen baute im 12. Jahrhundert nach Christus noch ganz selbstverständlich Wurzeln in ihre Heilmittelempfehlungen ein, die uns heute schon weitgehend unbekannt geworden sind wie Bertram oder Galgant, die aber damals noch selbstverständlich Eingang in die Suppe fanden. Und damals gab es die Zuchtmöhren gar nicht, die wir heute als normal ansehen und die schon süß schmecken. Essen Sie hingegen mal die nahe verwandte, aber nicht so stark hochgezüchtete Pastinake und Sie spüren gleich eine Ahnung davon, wie Wurzelgemüse früher waren: Vor allem herb, ballaststoffreich, zum langen Kauen einladend, und  eher schlecht verdaulich. Ebenso hat man früher ganz natürlich die Eicheln zum Verspeisen gesammelt und daraus – verbunden mit Roggen, Dinkel oder Buchweizen – Brot gemacht, eine Praktik, die in Europa in den frühen 1940er Jahren wieder entdeckt wurde wie zu allen anderen Hungerzeiten. Etwa 10% davon sind Kohlenhydrate und 90% Ballaststoffe, was uns Wohlstandsmenschen wenig anspricht. Schweine können das akzeptieren und verspeisen die Eicheln auch, der Wohlstandsmensch aber nicht mehr. Und dabei entgehen ihm Ballaststoffe, wie sie für den Steinzeitmenschen normal waren, und die günstige Bakterien ernähren. Der Steinzeitmensch war überhaupt nicht wählerisch, wie archäologische Funde beweisen. Er war ein Allesfresser, und je nach Jahreszeit unterschied sich das, was er aß, sehr stark. Die Jahreszeiten überlappend findet man alles, was man konservieren kann: Nüsse zum Beispiel. Haselnüsse sind auch in ursprünglicher, nicht gezüchteter Form schon ansehnlich in der Größe, gut zu transportieren und auch im Geschmack und vom Gehalt her eine Köstlichkeit. Äpfel oder Birnen sind da weit weniger haltbar, und ursprünglich auch weit weniger interessant, bis sie unter der Züchtung groß und köstlich geworden waren. Es stehen heute noch genug Apfel- oder Birnbäume, deren Früchte ein Mensch, der im Supermarkt einkauft, längst verschmäht, weil sie ihm zu klein und zu wenig „schmackhaft“, das heißt, zu wenig zuckerreich erscheinen. Das heißt natürlich auch, dass Produkte, die heute als „Paläo“ angeboten werden, im Wesentlichen eine Sammlung von Gemüse und Obst sind, die es damals in unseren Breiten gar nicht oder höchstens in einer unscheinbaren, kaum genießbaren Vorstufe gab, und dass das Fleisch, dass man heute als „Paläo“ verzehrt, nur einen kleinen, ebenso überzüchteten und mit Zusatzstoffen wie Hormonen oder Antibiotika verdorbenen Teil eines Tieres darstellt, den man ursprünglich im Ganzen zu sich nahm. 90% des Gehalts eines Tieres verschmähen wir ja, ganz im Gegensatz zu Raubtieren, die alles an einem Tier essen, mit Haut und Haaren, mitunter unter Aussparung der sehr bitteren Galle, wie man bei Katzen beobachten kann. Noch die Römer aber aßen beispielsweise vor 2000 Jahren noch alles vom Tier und bereiteten daraus tausende verschiedene Köstlichkeiten zu. Aber wer isst heute noch Auge oder Hirn oder Darm oder Milz? Entsprechend aber verdient alles, was heute als „Paläo“ bezeichnet und praktiziert wird, den Namen nicht, und erfüllt auch nicht den Anspruch, mit jener Nahrung in Verbindung zu stehen, die in der Steinzeit für uns maßgeblich war und zu unserer genetischen Zusammensetzung und den Bedürfnissen des Körpers passt.

Einiges aber vom Ursprünglichen können wir in unsere Kost integrieren, die wir möglichst unverfälscht, natürlich gewachsen und mit einem Minimum an Giften kaufen und selbst zubereiten sollten. Man kann sich einiges im Wald und in der Natur zusammensuchen. Dabei wird man so viel Bakterien zu sich nehmen können, wie das früher üblich war und wahrscheinlich auch vom Körper gebraucht wird. Man wird sich auch einiges an Geld für Probiotika ersparen können. Im Wald und auf verschiedenen Früchten finden wir eine große Vielfalt an Bakterien, denn jede frisch gepflückte und verspeiste Pflanze ist voll davon. Es sind Keime, die der Pflanze selbst wohl tun und die sie auf sich leben lässt und nicht mit ihren Giftstoffen angreift. Also nützliche Bakterien für verschiedenste pflanzliche Lebensformen, die auch für uns interessant sein können. Es ist hier von einem Lebewesen schon eine Vorselektion getroffen worden, die uns heilen kann. Deshalb ermutige ich Sie, öfters in die Natur zu gehen und an allen möglichen Dingen zu kauen, vor allem an den schmackhaften. Versuchen Sie in der Natur Nahrung zu finden. Man kann viele Pflanzen essen und im Salat nutzen, unter den Wiesenpflanzen vor allem Giersch, Brennessel und Löwenzahn. Man kann viele „Nüsse“ von Bäumen wie beispielsweise Eicheln in die Nahrung einbauen, zu Mehl verarbeiten und damit den Ballaststoffanteil von Broten erhöhen. Auch die Kastanie und ihr Mehl ist hier wertvoll. Natürlich müssen Sie sich stark mit der Botanik beschäftigen, denn es gibt natürlich auch giftige Früchte oder Pilze, die man vermeiden muss, wie das Tiere natürlicherweise lernen. Man kann alles, was man gefunden hat, auch trocknen für die kühle Jahreszeit und gerade getrockenete Pilze in einer Suppe wachsen wieder zur ursprünglichen Größe heran und schmecken hervorragend.  Bevorzugen Sie ältere Züchtungen von Obst und Gemüse. Es finden sich viele alte Obstbäume, deren Früchte ungenutzt bleiben und die Sie sammeln können. Nutzen Sie ältere Getreide, die ihre Kraft nicht durch Züchtungen verloren haben. Bevorzugen Sie natürlich gehaltene Schlachttiere, und Verspeisen Sie daran alles, was essbar ist.

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