Das erste Thyrovanz-Debakel

Ich bin als ganzheitlich arbeitender Internist sehr daran interessiert, einen umfassenden und für Schilddrüsenpatienten hilfreichen, heilenden Hormonersatz anzubieten. Schließlich kamen schon tausende Patientinnen mit langjähriger L-Thyroxin-Therapie und zahlreichen Beschwerden und ohne Heilungsverlauf bei Hashimoto-Thyreoiditis zu mir mit dem Wunsch nach einer Alternative. Für die meisten von ihnen war Schilddrüsenextrakt vom Schwein, damals noch von polnischen Schlachtschweinen, eine gesunde und gute Alternative. Einige von ihnen wollten keine „Schweinehormone“, andere können aufgrund ihrer Lebenseinstellung oder Religion keine Produkte vom Schwein als Arzneien verwenden. Seit diesem Jahr gab es eine herrliche Alternative: Schilddrüsenextrakt von frei laufenden Weiderindern in Neuseeland, ein Land, in dem es keine Gentechnik gibt und kein BSE. Sie liefern tatsächlich gesunde Schilddrüsen für die Verarbeitung zu Schilddrüsenextrakt, das man biologisch nennen kann und auch, wie so oft von Patientinnen angesprochen, von „glücklichen Tieren“.

Die Firma Thyrovanz (thyrovanz.com), entstanden auf Initiative von Schilddrüsenkranken hin, die möglichst hochwertiges Schilddrüsenextrakt verwenden wollen, hat diese Rinderschilddrüsen seit einigen Jahren in Neuseeland gesammelt, sie nach den Vereinigten Staaten verschifft, nach den Vorgaben der US Pharmacopeia zubereitet und zum weltweiten Versand angeboten für einen sehr niedrigen Preis. Dieser konnte nur entstehen, weil man sich entschlossen hat, verordnende Ärzte und Apotheken aus dem Vertrieb draußen zu lassen, und direkt den Extrakt zu verschicken mit dem Etikett „Nahrungsergänzungsmittel“.

Tolle Idee. Für meine Patienten in Österreich und Deutschland wurde daraus aber leider im Juli und August 2016  ein Debakel. Es ist nach den Zollrichtlinien der EU nicht möglich, „tierische Produkte“ einfach so einzuführen. Es ist illegal. So kam es, wie es kommen musste. Manche Packungen „rutschten durch“, andere wurden akribisch beäugt mit zahlreichen Rückfragen, sodass wochenlange Verzögerungen bei der Auslieferung entstanden. Und in einigen Fällen wurde sogar zur Vernichtung des Extrakts durch den Zoll geschritten, und sehr selten zur Rücksendung der Packung nach den USA. Wo letzeres geschah, hat die Firma Thyrovanz Schadensersatz geleistet. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle blieben die Kunden auf den Kosten sitzen. Sie warteten wochenlang auf Hormone, die sie brauchten und nach denen sie fieberten, da sie von L-Thyroxin & Co. die Nase voll hatten. Diese Hoffnungen wurden enttäuscht, und zusätzlich blieben sie auf den Kosten sitzen. Die Firma Thyrovanz hat auf Anfragen anfänglich vertröstet, einzelne Mitarbeiter wurden dann patzig, letztendlich wurde vom Chef, einem Herrn John Power, darauf hingewiesen, dass ja in den Versandrichtlinien vermerkt gewesen wäre, dass keine Garantie auf Lieferung und somit kein Anspruch auf Schadensersatz bestehe. Diesen Bedingungen hätte man bei Bestellung schließlich zugestimmt.

Nun, mag sein. Ich war einer der Besteller und kann mich daran nicht  explizit erinnern, und ich habe zumindest im Rahmen der Kontroverse beobachtet, dass es mehrmals Veränderungen auf der Webseite von Thyrovanz unter „Geschäftsbedingungen“ kam. Andere Kundinnen, mit denen ich Kontakt habe, hatten das auch nicht gewusst. Dann wurde die Nachricht herausgegeben, vorerst würde kein internationaler Versand mehr durchgeführt. Thyrovanz ist seither nur mehr in Neuseeland, Australien und den USA erhältlich. Schön war es nicht, wie diese Sache abgelaufen ist. Ich frage mich: Konnte man nicht im Vorfeld prüfen, ob man Schilddrüsenextrakt weltweit rezeptfrei anbieten und liefern kann, bevor man teure Werbung für Thyrovanz macht und weltweit bei Patientinnen Hoffnungen weckt?
Nun, zumindest europäische Patientinnen werden weiter auf diese gesunde, wohltuende Therapie verzichten müssen, bis die Firma Thyrovanz den Weg geht, der seit Jahrzehnten mit Schweineschilddrüse genutzt wird: Man kann sie per Rezept über die internationale Apotheke beziehen. Für einen höheren Preis, versteht sich, und nur auf ärztliche Billigung hin.

P.S.

Für eine Patientin gab es sogar ein juristisches Nachspiel. Die Packung Thyrovanz war am Zoll hängen geblieben. Dieser hatte das Regierungspräsidium verständigt, dass hier ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz vorliegen würde. Es handle sich um ein hormonhaltiges Präparat, und nicht um ein Nahrungsergänzungsmittel, wie von der Firma deklariert. Hormonhaltige Präparate seien rezeptpflichtig und dürften nur über Apotheken vertrieben werden. Die Schuld aber würde der Besteller tragen, die Patientin. Sie bekam ein Schreiben vom Regierungspräsidium, in dem sie vorgeladen wurde, um sich zu erklären. Es wurde eine Strafe von bis zu 20.000 EUR angedroht. Beim Termin dann erklärte die Patientin, dass sie keine Schilddrüse mehr habe und auf so ein Präparat angewiesen sei und schon mit Schilddrüsenextrakt vom Schwein behandelt gewesen war. Sie erwähnte, dass sie in meiner Betreuung sei und ich den Extrakt schon verschrieben hätte. So wurde auf eine Strafe verzichtet, die Verwaltungskosten von 7 EUR musste sie tragen, und die 160 EUR, die sie für die Packung Thyrovanz bezahlt hatte, die nie bei ihr eingetroffen war.

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