Über Innereien

Eines der wenigen aus dem Altertum überlieferten Bücher ist jenes über das Gastmahl des Trimalchio, einen Mann, der seinen Reichtum freimütig durch ein ausschweifendes Gelage vorführt, das er seinen Freunden und Bekannten ausrichtet. Das Buch ist vor allem deshalb bekannt geworden, weil es akribisch aufführt, was den Gästen da so alles vorgesetzt wird. Es sind fast ausschließlich Fleischwaren von einer großen Anzahl von Tieren, in denen kunstvoll alles, was an einem Tier verspeist werden kann, untergebracht wurde. Dazu gehörten selbstverständlich auch Innereien, wie wir sie heute kaum mehr auf den Tisch bekommen. Wir essen heute vom Tier vor allem das, was uns, wie wir glauben, Kraft gibt: Deren Muskulatur. Wir essen wie Sportler oder Krieger, die ja auch vor allem von der Schnelligkeit und Belastbarkeit ihrer Muskulatur abhängen. Das Gefühl der Kraft erhalten wir aber auch als Nichtsportler vor allem aus unseren Muskeln, und wenn wir dann noch dazu Muskeln essen, verstärkt sich dieses Gefühl, vor allem, wenn es beispielsweise das rote Fleisch eines muskelstarken Rindes ist.

Dieser einfach Zusammenhang ist uns heute wenig bewusst, weil wir eine der hohen medizinischen Künste des Altertums beinahe vergessen haben: Die Organotherapie. Kurz gesagt besteht sie darin, uns vom Tier Körperteile einzuverleiben, deren Qualitäten uns als Kranke gerade fehlen. Gebräuchlich ist heute noch die Einnahme von Schilddrüsengewebe in Form von Kapseln bei Schilddrüsenunterfunktion durch Entzündung oder nach einer Operation. Diese Therapie ist nebenbei gesagt nicht ungefährlich, da unser Tagesbedarf ja nur etwa einem Körnchen Schilddrüsengewebe entspricht, und wir, sofern wir eine ganze Schilddrüse auf einen Sitz verspeisen würden, in große Not geraten würden, jedenfalls starke Ängste, Herzklopfen, Blutdruckentgleisungen, Schweißausbruch und anderes entwickeln, was man eben bei einer Schilddrüsenüberfunktion so erlebt. Gefährlich wird so eine Organotherapie mit Schilddrüsengewebe aber nur bei Unkenntnis. Dosiert werden muss die Schilddrüse sicherlich mit großem Augenmerk, während es nicht so bedeutend ist, wie groß das Stück Schweinshaxe oder Rumpsteak vom Rind ist, das wir verspeisen. Muskulatur kann man nur schwer überdosieren, Schilddrüse aber sehr leicht. Dafür kann man mit Schilddrüse aber im Vergleich zum Wiener Schitzel viel stärkere Arzneiwirkungen erzielen. Denn nur was giftig sein kann, kann auch heilen, wie Paracelsus in ähnlicher Weise gesagt hat.

Wie steht es nun mit Leber? Dieses Organ ist in den letzten Jahren fast völlig aus der Küche gewichen, obwohl es früher sehr viel gegessen wurde. Ein Grund dafür mag sein, dass die Leber bei der Massentierhaltung stark gefordert wird. Ein Schlachttier, das vor allem Profit bringen soll, ernährt sich ja zwangsläufig einseitig und schluckt viele Antibiotika, die sich dann weniger in der Muskulatur finden als in der Leber, weshalb man letztere gleich wegwirft. Aus der Sicht der traditionellen Medizin ist es trotzdem eine Katastrophe zu nennen, dass heute keine Leber mehr gegessen wird. Denn sie ist eine große Arznei. Sie hat wertvolle Enzyme, Mineralien und Vitalstoffe, die sicherlich beim Kochen und Braten teilweise durch Hitze zerstört werden, aber auch im von der Mikrowelle verschmorten Zustand immerhin für die Leber des Menschen Grundbaustoffe liefern, die er gut brauchen kann, wenn diese überfordert ist. Der Stoffwechselkranke, oder besser gesagt Stoffwechselüberlastete, den wir heute so häufig sehen, und dessen Bauch aufgetrieben ist, der von Übergewicht und Verdauungstörungen gequält wird nebst anderen Auswirkungen einer Leberschwäche wie Entzündungsneigung, Bluthochdruck, Schlappheit und vieles andere mehr, sollte meiner Meinung nach lieber einmal in der Woche Leber essen und sonst vegan bleiben. Er würde damit einen großen Schritt für seine Gesundheit tun. Ein solcher Schritt in die organotherapeutische Richtung ist übrigens auch die Angewohnheit vieler Menschen, Bauchspeicheldrüsenenzyme in Form von Kapseln einzunehmen, die Sie vielleicht unter den Namen Kreon oder Ozym oder Pankreon kennen. Bei der Schlachtung von Schweinen fällt die Bauchspeicheldrüse an und wird von Pharmafirmen dazu verwendet, um daraus Enzymprodukte herzustellen, die häufig als Verdauungshilfen verordnet werden. Menschen in der Mitte des Lebens und später können so oft einen vorstehenden Bauch wieder flach kriegen. Sie tun das umso mehr, wenn sie auch auf ein Stück Leber pro Woche nicht vergessen. Übertreiben müssen Sie hier nicht und jeden Tag Leber auf Ihren Tisch bringen in der Hoffnung, dann noch schneller noch gesünder zu werden. Auch die Leber muss man dosieren, weil sie purinreich ist und die Harnsäure in die Höhe treiben kann als Ausdruck einer Abbaustörung. Das ist, nebenbei bemerkt, ein guter Laborwert, der Ihnen sagt, ob Sie Leber überdosieren.

Man kann auch Bauchspeicheldrüse braten und verspeisen, aber so wohlschmeckend wie Leber ist sie nicht. Ähnlich sieht es mit der Milz aus, die zwar besser schmeckt als Bauchspeicheldrüse, aber keine klare Funktion für die Gesundheit zu haben scheint.

Die Leber ist das Organ des Feuers, und wenn man das indische System der Energiewirbel, der Chakren, als Maß nimmt, dann liegen Bauchspeicheldrüse, Gallenblase, Milz und auch der Beginn des Dünndarms im Einflussbereich dieses Elementes. Feuer schafft Hitze und Trockenheit im Körper. Verdauungsschwäche mit körperlicher Schwäche, Schlappheit, Sodbrennen, Aufstoßen nach dem Essen und wechselhaftem Stuhlgang mit Blähungen und Auftreibung des Bauchs ist eine typische Störung, die man nach der Elementelehre mit dem ausreichenden Trinken von körperwarmem, klaren Wasser verbessern kann. Diese Behandlung läuft nach dem Gegensatzprinzip: Das Kalte und Feuchte des Elementes Wasser löscht das Feuer im oberen Bauchraum. Aber diese Therapie ist grob, und besser ist es wohl, hitzige Einflüsse wie Kaffee, Schwarztee, Grüntee, Alkohol, insbesondere Rotwein, Nikotin und Gewürze zu meiden. Denn sie alle vergrößern die Trockenheit und die Hitze, unter der man bereits leidet. Auch Hektik, viele Pflichten und Aufgaben, wenig Schlaf, viel Fernsehen und am Computer Sitzen und andere Dinge, die im Geist und in der Seele Hitze schaffen, sind von Übel.

Die Leber schafft nicht nur die Körperwärme und ist die Schaltzentrale für den Stoffwechsel, sondern repräsentiert im Körper die Leben spendende Sonne. So wie man im Altertum dem Sonnengott Apollo nicht nur Schönheit zuerkennt, sondern in ihm den Ahnherrn aller schönen Künste erblickt, ist es die Leber, die uns aktiv, wach und tatkräftig macht. Wer schöpft und sich dabei erschöpft, hat das nicht zuletzt einmal der gesunden und dann der kranken Leber zu verdanken. Denken Sie darüber nach, dass Ihre Schönheit und Klugheit und Entschlussfreudigkeit von einer gesunden Leber abhängt und essen Sie häufiger mal eine gesunde Leber.

Ähnlich ließe sich dieser Diskurs ausdehnen auf das Essen von Lunge, das noch vor wenigen Jahrzehnten bei uns auf der Tagesordnung stand, mittlerweile aber völlig vom Speisezettel verschwunden ist. Die Lunge als Organ des Elementes Luft macht uns luftig, jugendlich, frei. Es wäre sicherlich von Vorteil für Menschen, die durch Unterdrückung und Einschränkung ihrer Lebensfreude und Entfaltung Asthma und andere Bronchialleiden entwickeln, immer wieder einmal mit einem guten „Beuschel“ zu erfreuen, wie man das in österreichischen Gaststätten früher nannte, und ich wette, dass sich einiges an ihren Beschwerden verbessern würde. Eine differenzierte Organotherapie mit dem Verspeisen von Hirn und Rückenmark, Sinnesorganen und so weiter könnte letztlich in jede ärztliche Verordnung einfließen, und wenn sich Metzger finden würden, die sie wie früher einmal in großer Bandbreite anbieten würden, könnte in den heimischen Küchen für Kranke viel Gutes entstehen.

 

Das Schöne an der Organotherapie ist, dass man unabhängig von der Elementelehre oder anderen Arzneien die kranken Organe selbst direkt stärken kann, beispielsweise eben, indem man sich die Leber eines gesunden und jungen Tieres einverleibt und damit nicht nur Mineralien und Vitalstoffe, sondern auf einer energetischen Ebene auch die Lebenserfahrung dieses gesunden Organs aufnimmt und vielleicht auch über einen halb hormonellen, halb genetischen Weg auch etwas von seiner Stärke und Gesundheit erfährt. Das erleichtert die Gesundung und hilft einem, einen neuen Weg zu finden.

Wenn wir nun zum Bild des Gastmahls des Trimalchio zurückkehren, dann sehen wir die raffinierten Köstlichkeiten, die von antiken Köchen zubereitet werden, mit neuen Augen. Das Innere der Tiere, das im Altertum ja schon durch die Eingeweideschau, die populärste Form der Wahrsagerei, höchste Bedeutung in der Medizin hatte, liefert nicht nur Speisen, sondern vor allem Arzneien, mit denen der Wohlstandsmensch der Antike, der römische Bürger, dessen Leben in seinen komplizierten Abläufen sehr stark dem in den Großstädten unserer westlichen Welt ähnelt, medizinische Hilfe erfährt. Das Kochen mit den vier Elementen, das in unserem Breiten heute erst wiederentdeckt wird, war damals schon selbstverständlich, und der Koch automatisch auch Arzt. Der Wohlhabende wird diese Speisen geschätzt haben, denn sie erhielten ihn jung, gesund und dynamisch. Wenn in Biomärkten heute für teures Geld biologisches Wasser, biologisches Gemüse und biologisches Fleisch gekauft wird, dann drücken wir im Grunde genommen eine alte Sehnsucht nach der Fülle aus, die im alten Rom für den Wohlhabenden selbstverständlich war. Eine Form der biologischen Kost, wie wir sie heute in Spuren durch nachhaltige Landwirtschaft und Tierzucht versuchen, ohne wirklich zu wissen, was es denn ist, was wir stattdessen benötigen: Eine fein abgestimmte und auf die Bedürfnisse unseres Körpers eingehende Kost, bei der die Innereien der Tiere als große, heilende Arzneien eingesetzt werden.

2 Gedanken zu „Über Innereien“

  1. A couple of thuhgots on that one Jordan. Sounds like you were really sad to see that tree go, and I can completely understand the emotion, but I am going to be totally irreverent here .. would you expect anything other than that from me? My father, always called white pines scrub pines . He hated them. Did you ever stop to consider the fact that a maple tree is absolutely beautifully brilliant in all it’s color ? Have you ever thought how appropriate that is for you? The tree itself creates something beautiful to look at and marvel at, as we do over your ability to tell stories through your photographs, wether they are of a wedding, a sunset or a natural disaster such as the oil spill.Have you ever thought that had that tree grown, you would always at your parents home, have stood in it’s shadow. Maybe your father’s shadow? Maybe you need to redirect your thinking and take that chopping down of the tree as you becoming your own man, separate from your parents. Maybe you need to take the planting of the tree as a symbol of the love they had for you as a child, and the chopping down as them giving you the wings to become your own person.A glass is either half empty or half full. Make yours full.Love you Jordan!

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