Quantenheilung und Hexenmedizin

Derzeit schwappt eine Welle von Heilern und Heilungswilligen durch die Alternativszene, die alten dort tätigen Naturheilkundlern das Grauen lehren. War es bislang so, dass man eine Ausbildung durchlaufen, Kenntnisse erwerben und mitunter auch Zertifikate vorweisen musste, ist jede Form der intellektuellen Wissensaneignung in Bezug auf das Heilen obsolet. Wer denkt, dass er es kann, kann es auch. Wer fühlt, dass er Heilkräfte in sich hat, kann über sie bereits verfügen.

Es ist natürlich möglich, dass diese Einstellung in manchen Fällen einen schweren Schaden hervorrufen kann, weil damit Krankheiten unbehandelt bleiben, für die es klare und schöne Lösungen gibt. Allerdings kann man Menschen, die über die „Quanten“ heilen, indem sie die „Matrix“ wieder in Ordnung bringen, auch positiv als zeitgenössische Repräsentanten des Hexenkults sehen, der früher in unseren Breiten vorgeherrscht hat. Wenn heute über traditionelle europäische Medizin gesprochen wird, gibt es ja vor allem deshalb keine klare Übereinstimmung, was mit diesem Begriff gemeint ist, weil zwei sehr widersprüchliche Kulturen einander gegenüberstehen. Einerseits ist da die „kultivierte“ römisch-griechische Heiltradition der Elementelehre, die vergleichbar mit der TCM, dem Ayurveda, der tibetischen Medizin, der Heilkunst des nahen Ostens, der nordamerikanischen Ureinwohner etc.  ein System des Heilens präsentiert. Hier stehen wissenschaftliche Intentionen im Vordergrund. Man will die Welt verstehen und aus diesem Verständnis heraus Heilmittel anwenden. Andererseits ist da die „wilde“ Heiltradition der Medizinmänner, die je nach Stamm und Region verschieden aussehen kann. Hier gibt es keinen Versuch des Gedanken- und Erfahrungsaustauschs, sondern es wird eine Geheimlehre behauptet, die sich nicht schlüssig erklären lässt und die deshalb auch nicht weiter gerechtfertigt werden muss. Entweder man glaubt daran oder nicht. Darüber gesprochen wird nur insoweit, als man damit hoffen kann, das Gegenüber einzuschüchtern, und an seinen eigenen Gedanken und Gefühlen zweifeln zu lassen. Diese Hexentradition mündet dann auch bei der medizinischen Anwendung in Rezepten, die sich im Grunde genommen auf Berührung und Beschwörung reduzieren. Es ist das nicht die ausdifferenzierte Heilpflanzenkenntnis von Kräuterfrauen oder „weisen“ Frauen, die ein Leben lang im Wald verbracht und dabei die Pflanzen als hilfreiche Lebewesen kennen gelernt haben, sondern der Mutwille einzelner Frauen, sich mit gesellschaftlichen Gegebenheiten abzufinden, eine stille Revolution, die sich in der Gründung eines eigenen Stamms, einer Sippe manifestiert, in denen die Hexe oder der Magier oder der „Medizinmann“ das Sagen hat. So lange die anderen an ihn oder sie glauben, bestimmen sie das Gesetz. Wird dieses Gesetz gebrochen, drohen Bestrafung oder Verstoß. Glaubt ein Großteil der Menschen im Stamm nicht mehr an das Gesetz, löst er sich auf.

So oder so ähnlich muss man sich die Wellen vorstellen, die durch die Esoterikszene gehen, sie erfassen und durchdringen und sie dann wieder graduell verlassen. Was hier durchgeht von einem zum anderen, sind nie die Heilmethoden, denen man Ewigkeit attestieren darf, sondern immer Magie, Zauber und Beschwörung. Derzeit ist es meist eine Frau mittleren Alters, eher menopausal, die anderen „erleuchtet“ erscheint und irgendwo einen Kurs gemacht hat, der allerdings nicht als Kurs oder bloßer Aufenthalt dargestellt wird, sondern als Erweckungserlebnis, bevorzugt an den Inspirationsquellen dieser Erde. Die sprudeln derzeit in Hawaii, ein fernes vulkanisches Land mitten im Meer, vergleichbar mit mythologischen Endpunkten wie Atlantis. Egal, dass man heute viel billiger als noch vor Jahren dorthin fliegen kann, und dort genauso übergewichtige Amerikaner in bunten Kleidern erleben kann wie anderswo. Diese werden ausgeblendet, weil auf Hawaii ja Ureinwohner leben, edle Indianer, die im Einklang mit der Natur leben und heilen und weise sind – all das, was man als Hintergrundbedingungen braucht, um an die Kräfte der Erde anschließen zu können. Dort lernt man, die Matrix der Menschen – eine Art energetisches Grundgerüst – mit klassischen Hexenbeschwörungsmethoden von Krankheiten zu befreien, streicht dabei über den Körper, über die Aura, murmelt, singt oder denkt auch nur Formeln, mit denen Götter angerufen werden oder auch nur das Himmlische in einem selbst. Und siehe da: Oft funktioniert es. Wer sich die Hexenkraft zugesteht, staunt anfänglich darüber, dass andere Menschen sie wahrnehmen, davon beeinflusst werden, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Die Suggestibilität des Menschen ist groß. Die Quantenmediziner wissen das, weshalb sie von physikalischen Vorgängen im Körper berichten, die zweifellos stimmen – beispielsweise, dass wir fast nur aus elektromagnetischer Energie, und fast gar nicht aus Materie bestehen. Oder dass man bei Elektronen nie so recht weiß, wo sie sind und allein durch die Beobachtung schon die Lage eines Elektrons beeinflussen kann. Magische Dinge, die sich im Kleinsten des Kleinen abspielen – zumindest wenn man den Physikern glauben darf. Doch wie kommen Menschen auf die Idee, dass man diese Verhältnisse medizinisch nutzen kann? Sie kommen darauf aus einem Gefühl heraus, dass es möglich wäre. Hier muss nichts weiter untersucht oder ausprobiert oder was auch immer werden. Hier wird auch nichts darüber hinausgehend erklärt, warum man mit Hokuspokus diese Mechanismen nutzen könnte. Was einem Quantenheiler aber wirklich gelingt, ist, andere Menschen davon zu überzeugen, dass er es tut, den Wunsch des Leidenden nach Heilung in Form eines Placebos aufzunehmen, das gewiss keine Nebenwirkungen hat – außer, der Mann, der sich bei diesen Heilungen immer hinter dem zu Heilenden stellen muss, weil der gerne willenlos umsinkt, fängt einen nicht auf.

Schreibe einen Kommentar